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Weniger Arbeit, weniger Milch: Nur einmal am Tag melken | Unser Land | BR Fernsehen


Morgens um 7 Uhr: Zeit zum Melken. Das Ungewöhnliche dabei: Hier gehen die Kühe
nur noch einmal am Tag, nämlich in der Früh,
in den Melkstand. Landwirt Karl Meyer hat bereits
vor vielen Jahren damit angefangen, während des Milchstreiks 2008. Damals hat er sich
am Lieferstopp beteiligt. Ich hab zu meiner Frau gesagt:
“Wir probieren das einfach aus.” Dann haben wir nur einmal gemolken. Als der Lieferstopp rum war, meinte meine Frau: “Willst du
jetzt nicht zweimal melken?” Ich sagte: “Nicht unbedingt. Ich hab mich schon dran gewöhnt.” Und seither macht Karl Meyer etwas,
was für viele seiner Kollegen undenkbar wäre:
auf Milchleistung verzichten. Ich hatte über 8.000 Liter
in meiner Fleckviehherde. Mit der Umstellung
ging die Leistung langsam runter, zuerst auf 7.000, dann auf 6.000. Irgendwann hab ich gesagt, jetzt macht es keinen Sinn mehr
auf Leistung zu gehen. Aber im Schnitt bin ich
bei ca. 4.500 Liter. 4.500 Liter pro Jahr. Laut Fachliteratur dürften
einmal am Tag gemolkene Kühe höchstens 30% weniger Milch geben. Karl Meyer hat aber auch
die Fütterung komplett umgestellt. Jetzt gibt es nur noch das,
was auf seinen Wiesen wächst: Heu, Grassilage und Luzerne. Keinen Mais
und auch kein Leistungsfutter mehr. 2003 hab ich gesagt,
ich möchte das nicht mehr haben, dass wir Soja füttern, weil das von so weit
hergefahren wird und v.a. weil man da diese
bäuerlichen Strukturen in Südamerika z.T. kaputt macht. Weil ja diese Soja-Industrie
eine gewaltige Macht hat. Und wo ist jetzt ihr Eiweiß? – Da drin. Eiweißreiches Futter gibt es für die
70 Milchkühe aber nicht nur im Stall. Von April bis Oktober
gehen sie jeden Tag auf die Weide. Das tut ihnen gut, hält sie fit. Das ist die Freude. Lange war er überzeugt
von der Ganzjahres-Stallhaltung. Als konventioneller Betrieb
wär ich nie auf die Idee gekommen. Noch eine Veränderung: Karl Meyer hat sich entschieden,
auf Öko-Landwirtschaft umzustellen. Das passt gut zu seinem Konzept. Einmal melken mit Weidehaltung
bringt zwar weniger Umsatz pro Kuh, aber ein Minusgeschäft ist es nicht. 47 Cent bekommt er derzeit
für seine Biomilch. Die Strategie, nicht nach
immer mehr Leistung zu streben, sondern stattdessen Arbeitszeit
und Kosten zu senken, hat Karl Meyer
mittlerweile optimiert. Seine Herde wird anders gemanagt. Die Zeiten,
in denen die Kühe trockenstehen, in den letzten Wochen
vor der Geburt eines Kalbes also nicht gemolken werden,
hat er zusammengelegt. “Block-Abkalbung” nennt man das. Meine Kühe müssen
im Frühjahr abkalben. Die geben mehr Milch,
wenn sie auf der Weide sind. Junges Gras macht Milch. Somit war klar: Ich stell den Stall um
auf Frühjahrs-Abkalbung. Nach einem Jahr
hab ich festgestellt: Tolle Sache. Ich melk nur noch 300 Tage, hab noch mal 60 Tage mehr Freizeit,
also eine Zeit, wo ich melkfrei bin. Die Kühe von Karl Meyer
sind sog. Low-Input-Kühe. Dadurch, dass sie keine
Spitzenleistungen erbringen müssen, ist ihre Lebensdauer
voraussichtlich länger. Wenn sie nachmittags
in den Stall gehen, spart er jeden Tag
zwei Stunden Arbeit. Statt melken und füttern
hat er jetzt Zeit, Maschinen zu warten oder einfach
früher Feierabend zu machen. Und das ist bei einem Beruf, an dem man sieben Tage
in der Woche arbeiten muss, sehr wertvoll. Ich hab einfach mehr Zeit
für die Familie, für meine Frau oder für uns. Und das genießen wir. Früher musste man am Wochenende
abends auch in den Stall musste. Und jetzt, wenn ich z.B.
von meinen Kindern eingeladen bin, am Samstag um 16 Uhr,
kann ich da gerne hingehen. Das hat dann schon gewisse Vorteile. Selbst wenn ich im Stall bin,
bin ich um 9 Uhr fertig. Dann hab ich den Tag vor mir. Diese Einstellung könnte manch anderen Milchviehhalter
zum Nachdenken bringen. Denn bayerische Familienbetriebe,
die ständig wachsen müssen, haben eines nicht mehr: Freizeit.

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