Was bedeutet Mercosur für Bayerns Bauern? | Unser Land | BR Fernsehen
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Was bedeutet Mercosur für Bayerns Bauern? | Unser Land | BR Fernsehen


Fleisch, Würste, Joghurt, Milch. Mit diesen Produkten vom eigenen Hof beliefern die Brüder
Albert und Stefan Häfele insgesamt 1000 Haushalte
und Lebensmittelmärkte in der Region um Mindelheim. Doch sie merken immer mehr:
Der Preisdruck nimmt zu. Und sie fürchten, er könnte
sogar noch schlimmer werden, durch ein Freihandelsabkommen. Jetzt kommt das Mercosur. Unsere Lebensmittelpreise
werden immer billiger, und wir müssen
mit der ganzen Welt konkurrieren. Das Mercosur-Abkommen
könnte die Preise v.a. bei Rindfleisch
nach unten drücken. Nach 20 Jahren Verhandlungsdauer haben sich im Juni die EU-Kommission
und Vertreter der Mercosur-Staaten auf dieses Abkommen verständigt. EU-Parlament und Mitgliedsländer müssen dem Vertrag
allerdings noch zustimmen. Zum Mercosur-Raum gehören: Argentinien, Brasilien,
Uruguay und Paraguay. Bisher mussten dort bei Einfuhren
aus der EU hohe Zölle bezahlt werden. Bei Autos bis zu 35%,
bei Maschinen bis zu 20, bei Chemikalien bis zu 18%. Diese Zölle sollen wegfallen. Dafür können
die vier Mercosur-Staaten dann Rind- und Hähnchenfleisch,
Ethanol und andere Agrarprodukte zu einem geringen oder sogar
Null-Zollsatz in die EU liefern. Genau darin sieht Stefan Häfele
das Problem. Denn in Südamerika
können Lebensmittel weitaus billiger produziert werden
als bei uns. In Deutschland haben wir
die höchsten Standards, was Umwelt und Tierwohl angeht. Wir müssen aber konkurrieren
mit Betrieben in Südamerika. Da gibt’s keine Umweltauflagen,
keinen Tierschutz. Da interessiert das kein Schwein,
wie die Kuh gehalten wird. Tatsächlich werden in Südamerika
viele Rinder nicht, wie in Werbefilmen oft suggeriert,
auf offener Prärie gehalten, sondern sehr oft in sog. Feedlots, wo sie meist mit genverändertem Mais
und Soja gemästet werden. Diese Bilder drehte vor Kurzem die Tierschutzorganisation
Animal Welfare Foundation in Uruguay. Auch Umweltschützer kritisieren
das geplante Freihandelsabkommen. Es führe jetzt schon dazu,
dass riesige Agrarbetriebe in den Mercosur-Staaten
ihre Anbauflächen radikal vergrößern. Auch durch Brandstiftung
im Regenwald wie zurzeit im Amazonas-Gebiet. Brasiliens Präsident Bolsonaro geht bisher nur halbherzig
gegen die Brände vor. Er steht auf der Seite
der großen Agrarkonzerne und hat das Mercosur-Abkommen
mit ausgehandelt. Das Abkommen ist von den großindustriellen
Agrarproduzenten dort gewünscht. Das sind Betriebe mit Zehntausenden,
Hundertausenden Hektar, die eigentlich nie
auf dem Land sind, die aber seit Jahrhunderten,
seit Sklavenhalter-Zeiten, die Herrschaft im Land haben. Bio-Bäuerin Angela Müller reist mit einer Organisation
der evangelischen Kirche regelmäßig nach Südamerika. Die kleinbäuerliche Landwirtschaft
steht dort massiv unter Druck. Die großen Plantagen
mit genverändertem Soja breiten sich immer weiter aus
und verdrängen die Kleinbauern, aber auch die indigene Bevölkerung. Auf den riesigen Feldern kommen zudem immer mehr
Pflanzenschutzmittel zum Einsatz, die in der EU nicht erlaubt sind. Allein in diesem Jahr hat Bolsonaro
knapp 300 neue Pestizide zugelassen. Ein Vielfaches von dem, was
in den früheren Jahren der Fall war. Laut EU-Kommission dürfen aber
nur Waren eingeführt werden, die den strengen Sicherheitsstandards
der EU entsprechen. Wer das in Südamerika kontrolliert,
ist nicht geklärt. Und der Preisverfall? 8 Mio. Tonnen Rindfleisch
werden in der EU konsumiert, davon 200.000
aus den Mercosur-Staaten, allerdings mit hohen Zöllen. Nun soll es ein Kontingent
von 99.000 Tonnen mit einem niedrigen Zollsatz geben. Das wären 1,2%
des Rindfleischverbrauchs der EU. Wir haben in Europa schon
einen gesättigten Rindfleischmarkt. Wir sind bei über 100%
Selbstversorgung. D.h., dass jedes einzelne weitere
Prozent den Markt richtig stört. Auch Marktexperten
des Bauernverbands befürchten, dass der Preis-Druck
auf die bayerischen Landwirte durch das Abkommen
weiter zunehmen wird. Stefan Häfele beliefert
als Direktvermarkter u.a. den V-Markt in Mindelheim. Seine heimischen Produkte
müssen sich hier im Supermarkt neben günstigerer Ware
aus der ganzen Welt behaupten. Mercosur ist nicht
das erste Handelsabkommen der EU. Vor wenigen Jahren erst
wurden Verträge mit Kanada und mehreren
afrikanischen Staaten geschlossen. Es geht immer um dasselbe: Unsere Industrie will Autos,
Maschinen exportieren in alle Welt. Länder, die keine
Industrienationen sind, haben meistens nur
Lebensmittel, Futtermittel. Die kommen zu uns auf den Markt
und machen die Preise kaputt. Das freut natürlich jeden:
Autoindustrie boomt, die Wirtschaft floriert,
die Lebensmittel werden billiger. Aber unsere Landwirtschaft kann
zu diesen Preisen nicht produzieren. Inzwischen wächst der Widerstand
gegen das Mercosur-Abkommen. Frankreichs Staatschef Macron
hat sein Veto eingelegt, während die Bundesregierung
daran festhält. Auch in den Mercosur-Staaten
werden die Bedenken lauter. Argentinische Gewerkschaften
befürchten, dass die Hightech-Produkte aus der EU die sich dort gerade entwickelnde
heimische Industrie kaputt machen. Wann das EU-Parlament
über das Abkommen abstimmt, steht noch nicht fest.

6 Comments

  • j g

    Ich finds schad dass heimische produkte nicht wertgeschätzt werden und die verbraucher immer billiger einkaufen wollen
    Für autos werden 1000de von euros ausgegeben und für essen ist jeder cent zu viel

  • Schwarzer Humor

    Ich finde das Abkommen ist fördernd wenn man bedenkt dass die USA das grösste Freihandelsgebiet haben, muss die EU mithalten. Es gibt immer Opfer. Solange die Amazonas in Brasilien nicht draufgehen, bin ich für dieses Abkommen.

  • Christian Schimmer

    Super Regierung, für alles sollen wir den Vorreiter machen ( feinstaub, atomkraft, Tierschutz, Pestizide) aber dann aus anderen Ländern genau sowas importieren…..
    Muß man nicht verstehen

  • kathas_bio_garten

    Wir werden weiterhin unser Rindfleisch beim Bauern direkt kaufen. Dafür zahle ich gerne den Mehrwert. Wenn die Mehrheit das machen würde, brauchen wir das Fleisch von dort gar nicht einkaufen! Aber für die Mehrheit der Bevölkerung muss täglich billiges Fleisch auf dem Tisch landen. Hier muss der Ansatz ein grundliegend anderer sein. Statt auf FFF Demos zu gehen, sollte jeder sein eigenes Konsumverhalten überdenken und verändern. Wirklich Regional kaufen und somit die kleinen Bauern unterstützen.

  • Combine Driver

    Zölle sollten grundsätzlich komplett abgeschafft werden.Das beste ist immer freier und uneingeschränkter Welthandel. Aber dann auch für amerikanische Autos. Man sollte die guten US-Autos aus dem Hause Tesla dem deutschen Volke nicht vorenthalten. Aber da interveniert ja die Auto-Lobby. Bemerkenswert ist doch aber, dass ein Abkommen unterzeichnet wird für Rindfleisch wo man sich doch andererseits über brennende Regenwälder aufregt, die für den Sojaanbau angeblich angezündet werden. Übrigens würden Russen mit Sicherheit sofort wieder bayerisches Rindfleisch kaufen. Also auf gehts, Bauernverband, mach der Merkel Beine, damit sie die Sanktionen aufhebt.

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