Unser Land – Die Sendung vom 20.09.2019
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Unser Land – Die Sendung vom 20.09.2019


. Grüß Gott bei UNSER LAND. Morgen geht wieder
das Oktoberfest los. Und da gibt’s, neben viel Bier,
auch wieder Ochs am Spieß. Woher kommen diese Ochsen
eigentlich? Und wie wird
aus einem Stier ein Ochse? Darüber berichten wir heute.
Und über folgende Themen: Welthandel: Die Bauern
haben Angst vor Mercosur. Was bedeutet das Abkommen mit
Südamerika für unsere Landwirtschaft? Und: Klimawandel. Deutschlands größter
Schwarzkiefernwald in Unterfranken stirbt. Weil es immer wärmer wird? Die Ochsenbraterei,
wer schon mal auf der Wiesn war, kennt sie bestimmt. Das Fleisch vom Ochsen gilt als
viel hochwertiger als Bullenfleisch, ist auch ein gutes Stückerl teurer
und sehr rar. Warum? Achtung Statistik: Ochsen werden in Bayern jedes Jahr
grad mal so um die 5000 gemästet. Stiere: 280.000. Verwunderlich ist dabei: Über das Kastrieren
männlicher Ferkel wird seit Jahren heftig diskutiert,
bei Rindern ist das gar kein Thema. Wir haben den Hof besucht, von dem die Ochsen fürs Oktoberfest
kommen: Gut Karlshof. Ein landwirtschaftlicher Betrieb
der Landeshauptstadt München. Halb sechs Uhr morgens. Im Jungviehstall des Guts Karlshof
impft Tierärztin Elke Treitinger die erst vor Kurzem zugekauften
jungen Bullen, sog. Fresser. Die 33 Tiere wurden am Futtertisch
im Fressgitter fixiert. Denn heute steht noch mehr an: Die 5 bis 6 Monate alten Tiere werden
zu Ochsen gemacht, also kastriert. Dafür ist es jetzt höchste Zeit. Rein theoretisch
kann man es jederzeit machen. Aber wenn man erwartet, dass sich
das Fleisch entsprechend ändert, dann ein halbes Jahr, später nicht. Als Vorbereitung für den Eingriff bekommt jedes Tier
ein Schmerzmittel gespritzt, das auch entzündungshemmend wirkt. Auf dem Karlshof werden
seit über 25 Jahren Ochsen gemästet und dafür “blutig”, wie die Methode
heißt, kastriert. Mit so einer Zange. Was wir jetzt noch machen,
ist eine Lokalanästhesie. Und bis die wirkt, haben wir
die erste Gruppe schon gespritzt. Das heißt, wir fangen
dann wieder von vorne an, und dann erst wird geschnitten. Die Mittel für die Lokalanästhesie spritzt die Tierärztin
direkt in die Hoden. Die Tiere scheint das
nicht zu stören, durch das Schmerzmittel
ertragen sie alles ganz ruhig. Alle Fresser sind
jetzt lokal betäubt. Zeit für die letzte Vorbereitung
vor der Kastration: Mit einem jodhaltigen Mittel desinfiziert die Tierärztin
ihre Hände. Der Schnitt mit dem Skalpell
tut dem Tier nicht weh. Und was danach kommt, auch nicht. Ich schneid einfach den Hodensack
auf und hol den Hoden raus. Und der wird dann
mit der Zange abgequetscht. Ich zähl im Geiste so bis 150,
gut, nicht ganz, aber die Zange
unterbindet die Blutzufuhr, und damit das steht,
damit das einigermaßen hält, muss das Gewebe gequetscht werden. Die Hoden werden geklemmt,
bis sie abfallen. Zurück bleibt der leere Hodensack,
der wieder zuheilt. Früher hat man Bullen kastriert,
um gutmütige Ochsen für die Feldarbeit
und als Zugtiere zu haben. Ein Stier wäre zu wild
und damit lebensgefährlich gewesen. Heute wird kastriert,
um gutes Ochsenfleisch zu bekommen. Es wäre auch möglich, eine
“unblutige” Kastration durchzuführen, bei der ohne Schnitt
die Hoden nur abgeklemmt werden. Nachteil
der unblutigen Methode wäre: Es schwillt relativ stark an, tut also mindestens
3-4 Wochen deutlich weh. Und das haben wir hier nicht. Im Gegenteil, wir haben durch den
Schnitt die Möglichkeit, dass alles, was sich an Entzündungssekret
ansammelt, abfließen kann. Diese 30 Tiere wurden
schon vor zwei Tagen kastriert. Probleme gab es
nach dem Eingriff nicht, sie müssen nur zunächst
noch im Stall bleiben, damit die Wunde
draußen nicht verschmutzt. Insgesamt stehen 90 junge Ochsen
im Jungviehstall, auf Stroh. Die Tiere können alle
auf Stroh stehen. Wir haben noch die Möglichkeit,
dass sie nach der Kastration, ca. eine Woche, 10 Tage
nach der Kastration, in einen Paddock-Bereich gehen
können, der immer geöffnet ist. Und dann noch auf eine Weide
oder großzügigen Auslauf. Nach etwa zwei Monaten kommen
die Ochsen in einen anderen Stall. Dort wird 3-mal pro Woche
der Außenbereich mit frischem Stroh eingestreut. Rund 3000 Quaderballen Stroh im Jahr braucht das städtische Gut
für die insgesamt 550 Ochsen. Für die Tiere jedes Mal
wieder ein Spaß. Die Ochsen können immer zwischen Strohbereich
und Spaltenboden wechseln. Das fehlende Testosteron macht sie
sehr friedlich und umgänglich. Bei einer Ochsenhaltung
sind die Rangkämpfe in der Art bei Weitem nicht mehr so da
wie in einer Bullenhaltung. Wir können die Ochsen auch
in relativ großen Gruppen halten. In den Endmast-Bereichen laufen die 90 Tiere
alle zusammen in einer Großgruppe. Was mit Bullen nicht möglich wär, weil die sich ständig behaupten
müssen und ihre Rangkämpfe ausüben. Da sind Gruppen
von 7-9 Tieren die Regel. Bei Jungbullen wären solche
Wellness-Stationen nicht möglich. Beim Kämpfen könnten sich die Tiere
an Bürsten und Lecksteinen verletzen. Die Ochsen dagegen sind entspannt. Auch gefüttert
wird am Karlshof anders. Die Hauptkomponente ist Silomais,
das sind ca. 20 Kilo pro Tag. Dann haben wir bei uns
den Biertreber mit ca. 3,5 bis 4 Kilo. Und als sattmachende Rohfaser kommen
Stroh und getrocknete Luzerne dazu. Ochsen sollen langsam zunehmen, sie werden gut 3 Monate
länger gemästet als Bullen. Auf dem Karlshof
nehmen die Ochsen im Schnitt 1100 Gramm Gewicht pro Tag zu, bis sie nach 20 Monaten
etwa 720 Kilo schwer sind. Das Fett ist intramuskulär verteilt
und nicht als Fettschicht obendrauf. Hier erkennt man gut
die Marmorierung im Fleisch. Auf der Seite
erkennt man es auch ganz gut. Und das ist das,
was der Ochse mehr einlagert. Er lagert mehr Fett
ins Muskelfleisch ein. Was das Ochsenfleisch
besonders zart macht. Vor allem Grill-Fans kaufen es gerne. Aber gibt’s auch Kritik
von Verbrauchern, weil die Tiere kastriert werden? Im Schweinebereich,
über männliche Ferkel, wird heftig diskutiert. Direkt auf die Kastration … Ich werd drauf angesprochen,
was die Unterschiede sind, und die erklär ich dann. Aber kritische Stimmen
zur Kastration der Ochsen … Also bis jetzt nicht. Ochsenfleisch gilt
als Premiumprodukt, für das die Kunden 30 bis 40% mehr
bezahlen als für Jungbullenfleisch. Mit einer großen Münchner Metzgerei und der Ochsenbraterei
auf dem Oktoberfest hat das Gut Karlshof feste Abnehmer. Der Betrieb schreibt seit 15 Jahren
schwarze Zahlen. Bei den Ochsen am Oktoberfest
weiß man also, woher sie kommen. Beim Rindfleisch im Supermarkt steht zumindest überall
das Herkunftsland drauf. Z.B. Deutschland oder Brasilien. Manche kaufen ja ganz gezielt
Steaks aus Südamerika, und für die könnte das Angebot
in Zukunft günstiger werden. Dank eines Abkommens
mit den Mercosur-Staaten. Das ist die Abkürzung für:
Mercado Común del Sur. Auf Deutsch:
Gemeinsamer Markt Südamerikas. Das Abkommen ist
noch nicht unterzeichnet, bewirkt in Deutschland aber schon
nicht ganz Alltägliches: Bauern und Umweltschützer
sind derselben Meinung. Fleisch, Würste, Joghurt, Milch. Mit diesen Produkten vom eigenen Hof beliefern die Brüder
Albert und Stefan Häfele insgesamt 1000 Haushalte
und Lebensmittelmärkte in der Region um Mindelheim. Doch sie merken immer mehr:
Der Preisdruck nimmt zu. Und sie fürchten, er könnte
sogar noch schlimmer werden, durch ein Freihandelsabkommen. Jetzt kommt das Mercosur. Unsere Lebensmittelpreise
werden immer billiger, und wir müssen
mit der ganzen Welt konkurrieren. Das Mercosur-Abkommen
könnte die Preise v.a. bei Rindfleisch
nach unten drücken. Nach 20 Jahren Verhandlungsdauer haben sich im Juni die EU-Kommission
und Vertreter der Mercosur-Staaten auf dieses Abkommen verständigt. EU-Parlament und Mitgliedsländer müssen dem Vertrag
allerdings noch zustimmen. Zum Mercosur-Raum gehören: Argentinien, Brasilien,
Uruguay und Paraguay. Bisher mussten dort bei Einfuhren
aus der EU hohe Zölle bezahlt werden. Bei Autos bis zu 35%,
bei Maschinen bis zu 20, bei Chemikalien bis zu 18%. Diese Zölle sollen wegfallen. Dafür können
die vier Mercosur-Staaten dann Rind- und Hähnchenfleisch,
Ethanol und andere Agrarprodukte zu einem geringen oder sogar
Null-Zollsatz in die EU liefern. Genau darin sieht Stefan Häfele
das Problem. Denn in Südamerika
können Lebensmittel weitaus billiger produziert werden
als bei uns. In Deutschland haben wir
die höchsten Standards, was Umwelt und Tierwohl angeht. Wir müssen aber konkurrieren
mit Betrieben in Südamerika. Da gibt’s keine Umweltauflagen,
keinen Tierschutz. Da interessiert das kein Schwein,
wie die Kuh gehalten wird. Tatsächlich werden in Südamerika
viele Rinder nicht, wie in Werbefilmen oft suggeriert,
auf offener Prärie gehalten, sondern sehr oft in sog. Feedlots, wo sie meist mit genverändertem Mais
und Soja gemästet werden. Diese Bilder drehte vor Kurzem die Tierschutzorganisation
Animal Welfare Foundation in Uruguay. Auch Umweltschützer kritisieren
das geplante Freihandelsabkommen. Es führe jetzt schon dazu,
dass riesige Agrarbetriebe in den Mercosur-Staaten
ihre Anbauflächen radikal vergrößern. Auch durch Brandstiftung
im Regenwald wie zurzeit im Amazonas-Gebiet. Brasiliens Präsident Bolsonaro geht bisher nur halbherzig
gegen die Brände vor. Er steht auf der Seite
der großen Agrarkonzerne und hat das Mercosur-Abkommen
mit ausgehandelt. Das Abkommen ist von den großindustriellen
Agrarproduzenten dort gewünscht. Das sind Betriebe mit Zehntausenden,
Hundertausenden Hektar, die eigentlich nie
auf dem Land sind, die aber seit Jahrhunderten,
seit Sklavenhalter-Zeiten, die Herrschaft im Land haben. Bio-Bäuerin Angela Müller reist mit einer Organisation
der evangelischen Kirche regelmäßig nach Südamerika. Die kleinbäuerliche Landwirtschaft
steht dort massiv unter Druck. Die großen Plantagen
mit genverändertem Soja breiten sich immer weiter aus
und verdrängen die Kleinbauern, aber auch die indigene Bevölkerung. Auf den riesigen Feldern kommen zudem immer mehr
Pflanzenschutzmittel zum Einsatz, die in der EU nicht erlaubt sind. Allein in diesem Jahr hat Bolsonaro
knapp 300 neue Pestizide zugelassen. Ein Vielfaches von dem, was
in den früheren Jahren der Fall war. Laut EU-Kommission dürfen aber
nur Waren eingeführt werden, die den strengen Sicherheitsstandards
der EU entsprechen. Wer das in Südamerika kontrolliert,
ist nicht geklärt. Und der Preisverfall? 8 Mio. Tonnen Rindfleisch
werden in der EU konsumiert, davon 200.000
aus den Mercosur-Staaten, allerdings mit hohen Zöllen. Nun soll es ein Kontingent
von 99.000 Tonnen mit einem niedrigen Zollsatz geben. Das wären 1,2%
des Rindfleischverbrauchs der EU. Wir haben in Europa schon
einen gesättigten Rindfleischmarkt. Wir sind bei über 100%
Selbstversorgung. D.h., dass jedes einzelne weitere
Prozent den Markt richtig stört. Auch Marktexperten
des Bauernverbands befürchten, dass der Preis-Druck
auf die bayerischen Landwirte durch das Abkommen
weiter zunehmen wird. Stefan Häfele beliefert
als Direktvermarkter u.a. den V-Markt in Mindelheim. Seine heimischen Produkte
müssen sich hier im Supermarkt neben günstigerer Ware
aus der ganzen Welt behaupten. Mercosur ist nicht
das erste Handelsabkommen der EU. Vor wenigen Jahren erst
wurden Verträge mit Kanada und mehreren
afrikanischen Staaten geschlossen. Es geht immer um dasselbe: Unsere Industrie will Autos,
Maschinen exportieren in alle Welt. Länder, die keine
Industrienationen sind, haben meistens nur
Lebensmittel, Futtermittel. Die kommen zu uns auf den Markt
und machen die Preise kaputt. Das freut natürlich jeden:
Autoindustrie boomt, die Wirtschaft floriert,
die Lebensmittel werden billiger. Aber unsere Landwirtschaft kann
zu diesen Preisen nicht produzieren. Inzwischen wächst der Widerstand
gegen das Mercosur-Abkommen. Frankreichs Staatschef Macron
hat sein Veto eingelegt, während die Bundesregierung
daran festhält. Auch in den Mercosur-Staaten
werden die Bedenken lauter. Argentinische Gewerkschaften
befürchten, dass die Hightech-Produkte aus der EU die sich dort gerade entwickelnde
heimische Industrie kaputt machen. Wann das EU-Parlament
über das Abkommen abstimmt, steht noch nicht fest. Es gibt auch Experten, die sagen,
dieses billigere Rindfleisch, das da zu uns reinkommt,
hat mengenmäßig kaum Auswirkungen. Außerdem können
europäische Landwirte dann viel leichter Milchpulver
in den Mercosur-Raum exportieren. Und noch eine Bemerkung: Damit unsere Landwirte Fleisch und
Milch im Überfluss erzeugen können, werden schon seit Langem
große Mengen Futtermittel, zollfrei, aus Südamerika eingeführt. Dagegen protestiert niemand. Bis auf die Umweltschützer, denn
dadurch wird der Regenwald zerstört. Aber nicht nur der Regenwald stirbt,
das gilt auch für unsere Wälder. Langsam und leise. Die Gründe:
Es wird immer trockener und wärmer, und durch den Klimawandel
gibt’s neue Schädlinge. Kiefern am Leinacher Volkenberg. Besondere Kiefern. Revierförster Wolfgang Fricker ist verantwortlich für Deutschlands
größten Schwarzkiefernwald. Die Nadelbäume wachsen
ursprünglich in Südosteuropa. Allein wenn man hier reinkommt,
in diesen Wald, hat das so ein mediterranes Flair,
ein besonderes Ambiente. Da sind die Erlabrunner
und die Leinacher stolz drauf. Anders als die kupferfarbenen Stämme
der Waldkiefer sind die der Schwarzkiefer
bis in die Krone dunkelgrau. Ihre Nadeln sind
fast doppelt so lang. Und sie ist extrem genügsam. Man hat um 1860 schon mal versucht, hier diese Hügel,
diese Ödländereien, aufzuforsten. Das hat man mit normaler Kiefer, mit Buche, mit Eiche,
mit Lärche und Fichte probiert. Aber diese Anpflanzungen
sind völlig vergangen. Nur die südländischen
wärmeerprobten Schwarzkiefern wuchsen prächtig
auf dem schwierigen Standort. Bis zum Rekord-Hitze-Sommer 2003. Dann zeigten sich plötzlich
deutliche Schäden. Das geht normalerweise los,
indem einzelne Zweige braun werden, und dann setzt es sich langsam fort. Und dann werden ganze Äste
und am Schluss der ganze Baum dürr. Bis Herbst 2018 waren
rund 1000 Schwarzkiefern zu 80% geschädigt. Ein unersetzlicher Verlust
für den 230 Hektar großen Bestand. Nachdem mehrere Bäume
gebrochen waren, rückte im März 2019 der Harvester an. Denn um Unfälle zu vermeiden, müssen an Spazierwegen
abgestorbene Bäume gefällt werden. Aber es ist immer noch nicht geklärt, warum es überhaupt
zu dem rätselhaften Sterben kommt. Leiden auch die hitzeresistenten
Schwarzkiefern an Trockenheit? Oder gibt es andere Ursachen? Die Bayerische Landesanstalt
für Wald und Forstwirtschaft untersucht Gewebeproben. Das Ergebnis: Ein Pilz namens
Diplodia lässt die Bäume absterben. Auf den Zapfen
sitzen die Fruchtkörper. Im Spätsommer kommen die Forscher
mit einer Drohne. Sie wollen den Schwarzkiefernwald
am Volkenberg von oben filmen und sich so
einen Überblick verschaffen. Die Aufnahmen zeigen:
An einzelnen Standorten sind nur wenige Schäden erkennbar,
die Kronen grün. Andernorts sieht man verdorrte Kronen
zuhauf nebeneinander. Nach ersten Schätzungen sind rund 5%
des Bestandes komplett abgestorben. Weitere 10% sind befallen. Wie kommt es, dass der Diplodia-Pilz
plötzlich so viele Bäume schädigt? Er macht dem Baum lange Zeit nichts,
die leben friedlich miteinander. Wenn allerdings der Baum
unter Stress gerät, z.B. durch Wassermangel,
dann stellt er seine Lebensform um und wird durch Verschluss von
Leitbahnen für den Baum zum Problem. Problem erkannt. Und jetzt? Jetzt suchen Wolfgang Fricker und
Hans-Joachim Klemmt nach Lösungen, um diesen einzigartigen Wald
zu retten. Was auffällt: Je mehr Kiefern zusammenstehen,
umso massiver die Schäden. Und Monokulturen
sind per se anfällig, wenn da ein Schädling,
ein Insekt, ein Pilz kommt, hat der einen reichgedeckten Tisch. Also heißt es: den Wald umbauen. Mit Laubbäumen, die zwischen
den Kiefern aufgegangen sind. Die gilt es zu fördern, sodass ein Schwarzkiefernbestand
drüber ist und drunter langsam
die Mischbaumarten hochkommen und es ein Mischwald wird. Ein gestufter,
reichhaltiger Mischwald. Trotzdem hat Wolfgang Fricker
noch mal Schwarzkiefern gesät. Gut geschützt vor Wildverbiss. Aber nicht mehr aus Südosteuropa,
sondern aus Korsika. Von dieser Korsischen Schwarzkiefer
erhoffen wir uns, dass sie deutlich widerstandsfähiger
gegen Diplodia ist. Und auch gegen Trockenheit. Und,
da die Korsische Schwarzkiefer auf einer Höhe von 1000 m ist, dass sie auch eine gewisse Resistenz
gegen Spätfrost hat. Gibt es also doch eine Zukunft
für die Schwarzkiefer? Ist sie gar eine Baumart
für den Klimawandel? Nachdem es eine Nadelbaumart ist, ist es eine durchaus
interessante Alternative. Z.B. zu den Fichten, die in vielen
Landesteilen Probleme bekommen, durch verschiedenste Faktoren. Deshalb haben wir das
dezidiert untersucht und die Schwarzkiefer
mit in das Repertoire aufgenommen. Der Wald am Volkenberg
wird sich verändern. Aber er wird bestehen bleiben. Bei Fichtenwäldern
wird ja zurecht kritisiert, dass das Monokulturen sind. Das gilt auch für den künstlich
angepflanzten Schwarzkiefernwald. Durch Naturverjüngung
sind inzwischen immerhin rund 10%
andere Baumarten im Bestand. Und je mehr es werden, desto besser.
Grad in Zeiten des Klimawandels. Viel dramatischer ist es,
wenn der Bergwald verschwindet. Er ist nicht nur grüne Lunge und
gut fürs Klima, so wie alle Wälder, er schützt auch die Menschen im Tal
vor Steinschlag und Lawinen. Deshalb gibt es seit vielen Jahren
die sog. Bergwaldoffensive, bei der Jugendliche
aus aller Herren Länder Privatwaldbesitzer
dabei unterstützen, ihre Flächen in einen
stabilen Mischwald umzubauen. Auf Sarah aus Münster,
Rikuja aus Japan und die anderen neun jungen Leute
wartet ein harter Arbeitstag: Ehrenamtlicher Einsatz
für den Klimaschutz. Es geht auf den Geröllberg,
gut 1100 m hoch, oberhalb von Ramsau. Hier hat der Borkenkäfer eine Lichtung
in einen Privatwald gefressen. Die Fläche muss jetzt
wieder aufgeforstet werden. Die Betreuer vom Forstamt Traunstein markieren die Standorte
für die neuen Bäume: Tanne, Lärche, Ahorn,
Bergulme und Buche. 1500 Setzlinge in einer Woche. Wir werden in Reihen pflanzen. Immer eine Buche, dann
zwei Meter weiter die nächste Buche. Bisher standen hier Fichten. Sie wachsen schnell und sind deshalb
der Brotbaum der Waldbesitzer, aber auch eine Leibspeise
für Borkenkäfer. Und je wärmer es wird,
auch im Bergwald, desto schneller
vermehren sich die Schädlinge. Früher wurden aus einem Pärchen
zwei Käfer-Generationen pro Jahr. In heißen Sommern
werden es jetzt oft drei. Eine dramatische Entwicklung. Aus zwei Elternkäfern haben wir am Ende des Jahres
über 50.000 Jungkäfer. Diese Situation gab’s nicht. Und die frisst momentan
bayernweit die Wälder zusammen. Und das Gleiche
wird auch hier passieren, nur etwas zeitverzögert,
vielleicht 10, 20 Jahre später. Etwas Zeit bleibt also noch, denn in den Bergen
ist es kälter als im Flachland. Doch auch hier gilt: Je mehr Schneisen der Borkenkäfer
in den Wald frisst, desto gefährlicher die Folgen: Weniger Bäume
bedeuten weniger Schatten, dann kann die pralle Sonne leicht
den wertvollen Humus zersetzen. Das ist ein Waldboden, wo 20, 30 Jahre
keine Bäume draufgestanden sind. D.h., der Humus
ist zusammengeschmolzen, und es kommen
ziemlich schnell die Steine. Mit einem einfachen Versuch
sieht man, was passiert, wenn es hier mal
kräftig draufregnet. Beim kaputte Boden sickert
das Wasser ziemlich schnell durch. Bei Starkniederschlag
ist der schnell voll, und das überschüssige Wasser saust
den Berg runter Richtung Ramsau. Bei diesem Boden kommt
dagegen kaum Wasser durch. Wenn 2, 3 Wochen die Sonne scheint,
ist der immer noch wassergesättigt. Knapp 150.000 Hektar Bergwald in den bayerischen Alpen
gelten als Schutzwald gegen Steinschläge,
Lawinen und Hochwasser. Doch nicht mehr überall
funktioniert das. Gerade die flach wurzelnden Fichten sind ein leichtes Opfer
für Stürme oder Schneebruch. Die Flächen müssen dann teuer
und aufwändig saniert werden. So weit soll es am Geröllberg
gar nicht kommen: Waldbesitzer Georg Gruber
zeigt uns eine Stelle, an der schon vor fünf Jahren
gepflanzt wurde. Die Pflanzen wachsen jetzt
wirklich zügig und sind so weit, dass sie fast schon
einen geschlossenen Bestand bilden. Und so soll das Ganze auch sein. Der Waldbesitzer spendiert
den Jugendlichen die Brotzeit. Den Rest organisieren
der Jugendgemeinschaftsdienst in Bonn und die Bayerische Forstverwaltung. Acht Euro Aufwandsentschädigung
gibt’s, pro Tag. Nach der Pflanzung bleibt aber
ein großes Problem: der Wildverbiss. Davor schützen solche Klammern
und die Jäger. Wir haben die glückliche Situation, dass unsere Jagdpächter
auf die Anpflanzungsflächen ihr Augenmerk legen,
das sieht man auch beim Hochstand, dass hier die Jagd
verstärkt ausgeübt wird. Dadurch haben wir auch die Erfolge
in der Fläche bei uns. Insgesamt zwei Wochen lang waren Sarah, Rikuja und die anderen
Jugendlichen hier im Einsatz, in ihren Schul— oder Semesterferien. Sie haben mitgeholfen, dass hier oberhalb von Ramsau
der Waldumbau gelingen könnte. Jetzt schauen wir uns was an,
was früher notwendig war, dann als ärmlich und altbacken galt
und heute bei moderner Architektur wieder voll im Trend liegt:
Holzschindeln. In den Alpen, im Fichtelgebirge
oder im Bayerischen Wald, überall, wo’s viel Holz gegeben hat,
hat man Schindeln verbaut. Als Wandverkleidungen
oder auf den Dächern. Auf steilen Dächern hat man sie
genagelt, mit Keil und Nut. Auf flache Dächer
oft nur draufgelegt und mit Steinen beschwert. Egal wie, das Schindelmachen galt
früher als altehrwürdiges Handwerk. Angefangen hat es
schon bei den Bäumen. Im Alpenraum ist Fichte
und Lärche hergenommen worden. Im Norden hat man traditionell
aus Eichen Schindeln gemacht. Auf alle Fälle hat das Holz
ausgesucht sein müssen: Gerade Stämme,
feinwüchsig und kein Ast. Nicht nur, weil ein Astloch in
der Schindel wenig Sinn gehabt hätte. Sondern auch, weil man Äste bei der Weiterverarbeitung
nicht brauchen konnte. Besonders gute, haltbare Schindeln
sind nämlich nie gesägt worden, sondern gespalten. So ist das Holz entlang der
natürlichen Faser aufgetrennt worden, die so auf die ganze Schindellänge
unzerstört erhalten geblieben ist. Eine Säge hätte die Längsfasern
durchgeschnitten, in die Regenwasser eingedrungen wäre. Geschnittene Holzschindeln
wären also schneller verfault. Gespalten hat man nach Augenmaß. Dicke Schindel sind um die 10 mm
stark gewesen, dünne um die 5 mm. Auf der Schindelgoaß,
dem Schneidesel, der Hoanzlbank oder wie das Gestell zum Festhalten
der Rohschindel sonst geheißen hat, ist nachgearbeitet worden. Die Schindel hat man zum Ende hin
mit dem Reifmesser abgeflacht und am sog. Schindelfuß
im 45°-Winkel abgeschrägt. Ohne eine solche Fase hätte sich unterhalt der Kante
sonst der Dreck abgelagert: Nährboden für Algen, Pilze und Moose. Die letzte Arbeit
in der Dachschindelherstellung ist das Imprägnieren gewesen. Wochenlang lagen die Dachschindeln in der Flüssigkeit
mit gelösten Imprägniersalzen, um den Schutz vor fäulniserregenden
Pilzen zu erhöhen. Aber die ganze Chemie
hätt’s nicht gebraucht. V.a. bei harzigen Hölzern
wie Lärche oder Zeder. Die haben den Regen
leicht ausgehalten und sich gut gegen
Fäulnispilze wehren können. Viel wichtiger:
der konstruktive Holzschutz. Nirgends durfte sich
Feuchtigkeit halten. Die Schindel musste akkurat
so gelegt werden, wie sie als Baum gewachsen ist. Die Wurzel nach unten,
die Krone nach oben. So konnte das Wasser
der Fase entlang abfließen. Richtig verarbeitet haben Schindeln
100 Jahre gehalten. Selbst riesige Schneelasten
haben den schindelbewehrten Häusern in Thalkirchdorf im Allgäu
nix ausgemacht. Jahrhundertealt sind sie geworden. Mal schauen, wie viele Jahre die modernen Häuser von heut
zusammenbringen werden. Manche Betonbauten werden heute schon
nach 30 oder 40 Jahren abgerissen. Unsere Beiträge finden Sie im
Internet unter: br.de/unserland, bei YouTube
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diskutieren, bei Facebook. Ich freu mich, wenn Sie nächsten
Freitag wieder dabei sind. Untertitelung: BR 2019

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