Nach dem 2. Weltkrieg: Leben auf dem Land und in der Stadt | Lebenslinien
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Nach dem 2. Weltkrieg: Leben auf dem Land und in der Stadt | Lebenslinien


. Untertitelung: BR 2019 Ich bin Anna Riedl,
bin in Megesheim im Ries geboren. Ich bin 89 Jahre alt. Ich bin so erzogen worden.
Eigentlich ist das unsere Pflicht: Wenn es uns gut geht,
hilft man anderen Menschen. Dass man von dem, was man hat,
noch was hergibt. Jedes Jahr sage ich:
“Das ist das letzte Mal.” Aber durch die Fügung
komme ich jetzt noch mal rüber. Das ist für mich wirklich
das Schönste. Da bin ich dann wieder … Da bin ich erleichtert. Manchmal denke ich:
Ich lebe so im Luxus. Ich könnte noch mehr geben. Aber ich schau immer … Bei mir ist es wurscht,
ob ich was auf der Bank hab. Hauptsache, denen geht’s gut. Und den Kindern auch. Oh, du hast keine Schuhe?
– Nein, hatte ich noch nie. Mein Gott, du bist eine Apostelin. Pass auf.
– Jaja. Das ist gefährlich. Anna Riedl ist inzwischen
zum 26. Mal in Indien. Als sie vor vielen Jahren mit Pater Emmanuel
in diesen Granitsteinbruch kommt, bietet sich ihr
ein erschreckendes Bild. Damals arbeiten hier
ganze Familien mitsamt ihren Kindern. Von Pater Emmanuel,
der in Deutschland studiert hat, erfuhr sie, dass diese Menschen weder
schreiben noch lesen gelernt haben. Sein katholischer Orden,
die Pallottiner, bemüht sich, den Kinder dieser Arbeiter mit dem Bau einer Schule
eine Perspektive zu bieten. Ich sehe immer noch
vor mir die Kinder, wie sie gearbeitet haben, wie sie geweint
und geschwitzt haben. Und wie sie jetzt
in der Schule sitzen. Dann hab ich jetzt schon wieder
Pläne zu Hause: Wer könnte was übrig haben? Wer könnte helfen? Ich erkläre das von den Kindern. Was macht das? Das macht mich glücklich. Und gesund. Das ist meine Enkelin. War sie auch in Indien? Ja, die hab ich mitgenommen,
damit sie mal was anderes sieht. Anna wächst mit ihren Geschwistern in
dem Dorf Megesheim im Donau-Ries auf. Wie bei den meisten Kindern hier
spielt sich ihre Kindheit zwischen Stall und Acker,
Schule und Kirche ab. Wir hatten eigentlich trotz
unserer Armut eine gute Kindheit. Zum Spielen hatte ich keine Puppe. Ich hatte ein Holz. Da haben wir die Rinde weg. Das haben wir angemalt. Und mit einem Taschentuch
haben wir ein Kopftuch gemacht. Dann hab ich selber
per Hand Kleider genäht. Das war meine Puppe. Ihre Mutter stirbt früh. Um die Familie zu versorgen,
heiratet Annas Vater noch einmal und bekommt mit seiner neuen Frau
fünf weitere Kinder. Wir haben uns selbst erzogen. Die Mutter ist aufgestanden
und zum Kuhmelken. Ich hab meiner Schwester
die Haare gemacht. Oder meinem Bruder die Schuhsenkel
zugemacht. Und dann hatten wir Tassen, wir sind in den Stall,
direkt zur Kuh. Da haben wir unser
Frühstück bekommen: Milch. Und in der Stube
war das Brot aufgeschnitten. Dazu haben wir das Brot gegessen. Dann sind wir in die Kirche,
jeden Tag, und dann in die Schule. Und wenn ich in der Schule … … Mist gebaut hab
und ich eine Tatze bekommen hab, damals hat man noch Tatzen bekommen, dann hat das meine Mutter schon
gewusst, als ich heimkam. Dann hab ich daheim
noch mal eine gekriegt. Die ist ja ’15 geboren,
die ist ja viel älter als du. Die war nicht mit dir in der Schule.
– Nein, das war eine Frau vom Dorf. Wenn Anna Riedl
den Megesheimer Friedhof besucht, fährt ihre ältere Tochter Monika
sie von München dorthin. Wie viele haben wir noch? Vier? Ähm, Grundl Marie.
– Wie viele Rosen haben wir noch? Fünf. Da wartet das Grab von Tante Berta. Da ist schon wieder ein neues drauf. Und da ist noch eine Schulfreundin,
die Elli. Langsam. Da.
– Ja, genau. Elli, die ist der gleiche Jahrgang
wie du. Genau, das ist meine Schulfreundin.
Vielen Dank für unsere Gaudi. Und das ist der Gustl. Der war auch dein Jahrgang? Ja, das war auch mein Jahrgang,
ein Schulkamerad. Die sind alle
schon vor mir gestorben. Ich weiß nicht,
warum ich so alt werde. Jetzt fehlt noch einer. Wo lieg der?
– In der ersten Reihe. Und dann war ich zehn Jahre alt. Dann kam der Krieg. Mein Vater war vom Dorf einer
der Ersten, die einrücken mussten. Da hat mir meine Mutter
schon richtig leidgetan. Die Stiefmutter muss die Kinder
alleine durchbringen. Von Annas Geschwistern lebt heute nur noch die fünf Jahre
jüngere Halbschwester Hedwig. Sie ist immer in Megesheim geblieben und hat
von der Landwirtschaft gelebt. Hallo!
– Ja, hallo! Grüß dich, wie geht’s dir denn? Komm rein, hier ist es warm. Heute ist es recht kalt. Ich hab dir was mitgebracht,
von der Gabi. Danke, das hätte es
doch nicht gebraucht. Das weiß ich. Einen Kaffee
kochst du dir jeden Tag? Jeden Tag,
in der Früh und nachmittags. Ja, in der Früh und nachmittags. Wie geht’s dir?
– Ganz gut. Bist du gesund?
– Ja. Wie war denn die Frau Riedl früher,
als sie kleiner war? Die Frau Riedl? Dazu kann ich nicht viel sagen, weil ich bald
von daheim fortgekommen bin. Sie war bei der Tante Klara. Die haben mich gewollt. Und da bin ich gern hingegangen. Da bin ich geblieben. Da hab ich die Arbeit getan,
hab Geld bekommen. Die ganze Arbeit hab ich gemacht. Landwirtschaft. So war es halt früher. Bist du mit sieben Jahren
schon ganz drüben gewesen? Ja. Die Mutter war allein. Das war schon schwierig
mit den sieben Kindern. Da war sie froh, als ich fort war. Es war eine Esserin zu viel. Wir waren immer froh,
dass du weg warst. Sie ist dann immer gekommen. Wenn es bei uns
was Gutes gegeben hat, dann haben wir immer gesagt: “Du kannst da rüber gehen.
Du kriegst sowieso besseres Essen. Das Essen ist für uns.” Dann hast du manchmal geweint,
manchmal hat die Mutter gesagt: “Das ist eure Schwester
und die isst mit.” Warum waren Sie so gemein
zu Ihrer Schwester? Was heißt denn gemein? Die war nicht gemein.
Das war da so. Das war meine Art. Waren Sie neidisch?
– Wahrscheinlich. Weil ich gewusst hab, dass es
da drüben bessere Sachen gibt. Ich war auch ein paarmal drüben. Der war Fleischbeschauer. Da tut man die besten Stücke
vom Schwein weg. Die habt ihr immer rausgebacken. Wir haben daran bloß gerochen. Erinnern Sie sich,
wie sie als große Schwester war? Ja. Lebhaft. Ich weiß nicht,
wie ich es sagen soll. Sag, wie es ist. Ein lebhafter Mensch. Resolut war ich schon immer. Mit fünf Brüdern,
da müssen Sie sich durchsetzen. Mit fünf Freunden statt Freundinnen,
da müssen Sie sich durchsetzen. Als Anna 14 wird, beendet sie
die Schule und muss dabei helfen, die Familie zu versorgen. Daher schickt die Stiefmutter
sie zu Verwandten, bei denen Anna bei der Heuernte, in der Imkerei
und beim Gänsehüten dazuverdient. Ja, wo sind denn die Lämmchen? Pass auf, der ist geladen! Ehrlich? Ich hab nix gespürt. Lämmchen, komm her! Der Vater kommt 1948 schwer krank
aus der Kriegsgefangenschaft zurück. Die Stiefmutter
holt Anna zurück nach Hause, damit sie den Vater pflegt
und in der Landwirtschaft hilft. Und dann hat mein Vater das schon
mitgekriegt mit der Mutter, dass sie mich
im Grunde genommen nicht mag. Und deswegen wollte er wohl,
dass ich nicht … nur daheim bin
und die Arbeit mache. Wahrscheinlich.
Das war sein Wunsch. Darum hat er den Pfarrer gefragt,
ob er eine Stelle hat. Dann bin ich da weggekommen. Der Megesheimer Pfarrer,
ein Vertrauter des Vaters, bringt Anna nach München, zur Schwesternschule
des Klosters Dritter Orden. Für Anna, inzwischen 21 Jahre alt, eröffnet sich mit der Großstadt
eine neue Welt. Eigentlich war ich froh,
dass ich von daheim weggekommen bin. Und dass ich was lernen durfte. Es war mir ja versprochen, dass ich da die Krankenpflege-Schule
machen kann, in München beim Dritten Orden. Aber hat man Ihnen gesagt,
dass Sie auch Nonne werden? Das stellt sich ja
im Lauf der Schule raus, ob man sich dazu eignet. Da braucht man ja auch bestimmte
Voraussetzungen für eine Nonne. Das ist nicht so einfach. Man muss auf alles verzichten
im ganzen Leben, auf einen Mann, auf eine Familie. Man hat seine Familie
bei den Schwestern. Waren Sie bereit, alles hinter sich
zu lassen und Nonne zu werden? – Ja. Während der Ausbildung erkrankt Anna
schwer an Knochenhautentzündung. Sie wird mehrmals operiert. Ihr muss ein Stück Knochen
aus der Stirn entfernt werden. Die Schwesternschule
kann sie deshalb nicht beenden und muss den Orden verlassen. Nach Megesheim
will sie keinesfalls zurück, aber sie hat großes Gottvertrauen. Der Herrgott macht’s schon richtig. Du kannst immer fragen, warum.
Aber du kriegst keine Antwort. “Warum war das?”
“Warum hab ich das?” “Warum bekomm ich das?”
“Warum muss ich das?” Das gibt’s nicht. Es gibt nur einen, der das bestimmt:
Das ist der Herrgott. Schließlich bekommt Anna in einem anderen Münchner Krankenhaus
eine Stelle als Hilfsschwester. Nach dem strengen Leben im Orden
erwacht ihre Lebenslust. Sie erkundet die Großstadt,
schließt Freundschaften und während sie
mit Bekannten unterwegs ist, verschlägt es sie eines Tages
ins Münchner Hofbräuhaus. Hier lernt sie 1955 den jungen
Bierbrauer Max Riedl kennen. Prost.
– Aufs Hofbräuhaus! Auf den Papa, auf Max! Vormittags schon Bier … Frühschoppen. Das ist schon nicht so verkehrt. Wir haben uns kennengelernt, eigentlich an diesem Tisch. Da bin ich gesessen. Nein, umgekehrt. Da am Eck ist mein Mann gesessen. Da saß ich. Da waren nette Kameraden
von meinem Mann da. Die haben ja auch
fürs Hofbräuhaus gebraut. Die haben einen doppelten Schnaps
spendiert gekriegt. Dann war es schon lustig,
mein Lieber. ♪ Da hat so mancher brave Mann,
eins, zwei, gsuffa! ♪ Probiert, was er vertragen kann. ♪ Schon früh am Morgen fängt er an. ♪ Und spät am Abend, da hört er auf,
so schön ist’s im Hofbräuhaus. Super. Als wir eine Zeit lang
beieinander waren, eine halbe Stunde, Stunde,
und uns kennengelernt haben, ist das eine Mordsgaudi gewesen. Auch den anderen Kameraden
gegenüber. Die haben meinen Mann … Der eine hat gesagt: “Die, die sich im Hofbräuhaus
kennenlernen, das gibt keine gescheiten Ehen.” Weil eben Bier mit im Spiel ist. Und als wir dann jahrelang
zusammen gekommen sind, dann waren sie immer ganz … … glücklich,
dass wir uns immer noch trafen und dass alles so geklappt hat. Es war Liebe auf den ersten Blick.
– Ja, beim Prost-Trinken. Ja, das kann man nicht mehr sagen
oder nachmachen. Da hat es überall gekribbelt. Obwohl Anna sechs Jahre älter ist
als Max, heiraten sie. Mit der Geburt der Töchter Monika
und Gabi wird ihre Familie komplett. Nach einigen Jahren hört Max aus gesundheitlichen Gründen
als Bierbrauer auf. Gemeinsam finden Anna und er in Schwabing eine Stelle
als Hausmeister-Ehepaar, mitsamt einer Wohnung. Wie war die Farbe früher? Grün. Da war ein Vorsprung,
wo immer die Tauben saßen. Anna besucht
mit den Töchtern Gabi und Monika seit Langem wieder
ihr früheres Zuhause in Schwabing. Aber der Baum ist noch da. Mach mal auf, schauen wir mal.
– Die Haustür ist noch die alte. Schau mal, die haben das
rot gestrichen. – Ja. Schön.
– Gefällt dir das gut? Ja, das gefällt mir. Meinst du,
das ist die Originalfarbe? Die Lampe, die war nicht rund, oder? Eine kleinere war droben. Das war immer ein Problem,
wenn der Papa die ausgewechselt hat. Mein Gott, die Treppen … Ganz früher hat man die
mit der Bürste gebürstelt. Da haben wir viele Eimer Wasser
rauf- und runtergetragen. Ja hallo, wie geht’s Ihnen denn? Wie geht’s Ihnen denn? Verhältnismäßig gut.
– Grüß Sie. Wir erinnern uns gerade an früher. Wie wir hier aufgewachsen sind
und wie sich alles verändert hat. Max verdient als Briefträger dazu. Anna putzt nebenbei
in anderen Haushalten. Zu den Nachbarn haben sie
ein freundschaftliches Verhältnis. Was das Haus ausgemacht hat: Da haben viele unterschiedliche
Leute da gelebt. Der Peter hat hier gewohnt,
das war ein Autor. Dann eine Opernsängerin. Und hier unten hat eine Frau
gewohnt, die hab ich bewundert. Die hatte immer weiße Handschuhe an, einen Knoten streng gebunden
im grauen Haar, eine Zigarette
und lackierte Fingernägel. Für damals war das … Am Anfang haben wir schon
ein bisserl dumm geschaut. Aber da hat’s nix gegeben. Wir haben nie … Die Leute haben sie geliebt. So was gibt’s heute nicht mehr. Die war ja eigentlich
eine Concierge. Die haben die Kinder abgestellt,
die Schlüssel. Mein Vater hat am Sonntag
die Klos repariert. Die waren immer für alles da. Das haben die auch
bei uns geschätzt. Weil ich war zwar geraderaus. Einer hat immer geparkt
in diesem Rondell. Da bin ich dann mal richtig
zusammengerückt mit ihm. Und dann war Ruhe. Schau, im Herbst ist es hell. Unsere Wohnung war ja
ganz dunkel mit den Bäumen. In diesem Haus gibt’s nicht ein
Fenster, was ich nicht geputzt hab. Meine Mutter hat ja
eine Wahnsinnsenergie. Die war eher grantig als erschöpft,
wenn sie so viel Arbeit gehabt hat. Mein Vater hat sich schon hingelegt. Wenn der gesagt hat,
dass es ihm zu viel wird, dann hat er sich hingelegt.
– Wenn es nur zehn Minuten waren. Meine Eltern haben jeden Nachmittag
miteinander Kaffee getrunken, weil die so Jobs hatten,
dass die da Zeit hatten. Weil mein Vater
war vormittags Briefträger, dann hat er Apotheken ausgefahren. Dann ist sie abends
zum Putzen in die Bank. Aber das war eine Zeit,
wo beide da waren. Das war eine extrem moderne Familie. Dadurch dass meine Eltern
so viele Jobs hatten, hat mein Vater
im Haushalt mitgeholfen, was zu der Zeit ungewöhnlich war. Was haben Sie gemacht,
wenn Sie frei hatten? Meistens bin ich
in die Kirche gegangen. Sonst hatte ich eigentlich
gar nicht viele Freunde. Weil ich keine Zeit hatte. Die Zeit, die ich hatte,
habe ich mit meinem Mann verbracht. Mein Mann war 60er-Fan. Wenn sie Fußball spielten,
hat mein Mann öfter gesagt: “Nimm dir bitte Zeit. Es wäre schön, wenn du dich
auch mal hersetzen würdest, dass ich das
nicht immer alleine anschaue.” Ich sagte:
“Wer soll die Arbeit machen?” Die Arbeit ging vor. Mein Mann hat, wir konnten es
uns nicht oft leisten, gerne ein Steak gegessen. Einfach ein Steak und Brot. Da hab ich ihm
ein Steak mitgebracht, wenn die 60er gespielt haben. In dieser Pause hab ich ihm
das Steak gemacht und serviert. Dann war er glücklich.
– Er war glücklich. Das war ein ganz guter Trick,
um einen Krach zu vermeiden. Wann immer sie können, helfen sie ihren Verwandten
in Megesheim bei der Landwirtschaft. Auch die Ferien
verbringen sie meistens dort. Schließlich bekommen sie
ein Angebot für günstigen Baugrund. “Wie wär’s denn …”,
habe ich gesagt. “Mei, das wäre was fürs Alter.” Ich könnte mich
versetzen lassen vielleicht. Für das Alter wäre das so schön. Er sagte: “Aber, aber, mit was?” Er hat seine Hände so ausgestreckt. Ich sagte:
“Wir haben vier gesunde Hände.” Und ’72 haben wir den Grund gekauft. Dann haben wir es
ein Jahr stehen lassen. Dann hatten wir genug Geld,
dass man den Keller ausgehoben hat. So haben wir 10 Jahre gebaut
bis ’82. Jedes Wochenende
fahren sie alle nach Megesheim und bauen eigenhändig ihr Haus. Als es fast bezugsfertig ist, klagt Max
über starke Schmerzen im Rücken. Mit 47 Jahren wird bei ihm
Krebs diagnostiziert. Acht Monate war er
im Schwabinger Krankenhaus. Und acht Monate habe ich diese
Arbeit fast alleine weitergemacht. In der Früh um vier zur Post
und dann ins Krankenhaus und um elf in der Nacht
bin ich heim. Und dann ist er gestorben,
direkt in meinen Armen. Und ich bin nicht gegangen. Ich habe das gespürt. Meine letzten Worte waren: “Papa, du kannst in Frieden gehen.
Ich sorge für deine Kinder.” Für unsere Kinder. Die Schwester hatte die Tür offen. Die hat gesagt,
das hätte ich so schön gemacht. Da habe ich nicht geweint,
erst danach. Die Beerdigung,
die Leute, die Fragen, das hat sie noch alles
ganz gut durchgestanden. Weil da bist du auch beschäftigt.
Da kriegst du gar keine Luft. Aber nach der Beerdigung
war’s aus, vorbei. Sie hatte zwei
Hinterwandherzinfarkte in der Zeit, was man erst danach gemerkt hat. Der ging es so schlecht. Weil dieses ganze
Neun-Monate-Arbeiten und das Am-Laufen-Halten und Machen
war dann alles weg. Sie konnte lange die Kleider
nicht von der Garderobe wegtun. Das war für sie ein Albtraum. Anna geht mit 60 Jahren in Rente. Alleine bezieht sie
das Haus in Megesheim, das sie und Max gebaut haben. Ich bin Tag und Nacht
durch das Haus gerannt. Ich habe nur noch
geheult und geweint. Weil mich alles
an meinen Mann erinnert hat. Das ist schon schlimm gewesen. Ja, mei.
Da kann man aber nichts machen. Du hast ja gewusst,
ich komm schon durch. So wie du mich kennst, gell? Ja, das hab ich gewusst,
dass du durchkommst. Das hast du, glaube ich,
auch mal gesagt: “Die kommt schon durch.”
– Ja. Die Töchter sind familiär
und beruflich in München verwurzelt. Anna versucht,
sich mit Arbeit abzulenken, hilft ihrem Bruder auf dem Hof. Aber das Verhältnis
zu den alten Bekannten im Dorf hat sich inzwischen verändert. Nur ihr alter Freund Toni
ist noch für sie da. Hast nicht du mich mal
mit dem Telefonhörer gefunden? Ja. Als ich telefonierte
und bewusstlos wurde. Du hattest einen Schlüssel
oder war offen? Dann lag ich voller Blut drüben. Sie ist wohl
beim Telefonieren umgefallen oder ist umgefallen
und wollte noch telefonieren. Ich hab sie gesucht
oder wir hatten was ausgemacht. Auf jeden Fall
erschrickt man da schon. Aber du konntest dir nicht helfen.
Du hast mir oft leid getan. Du hast immer gesagt:
“Du armer Deifi”. Sie hatte kein Auto
und kam nirgends hin. Manchmal kam es so weit,
dass ich nicht mehr beten konnte. Hat sie jemals
vor euch geweint über den Papa? Ja, klar. Viel. Vor allen Dingen
weil sich herausstellte, dass sie das ein oder andere
noch vorhatten. Das war das Schimpfen mit Gott und
Zweifeln: “Wir hatten das doch vor.” Zum Beispiel Indien. Meine Eltern hatten viele Bekannte,
die Pallottiner. Der erste Pallottiner war ein Schulfreund meiner Mama
in Megesheim, Pater Manfred. Der ist 1963 oder so
in die Mission nach Indien. Meine Eltern haben ihn immer
unterstützt mit Spenden etc. Irgendwann nachdem
der Papa tot war, meinte sie: “Jetzt haben wir
so viel Geld hingeschickt und wissen nicht,
was er mit dem Geld macht. Wir wollten uns das anschauen.” Dann kam Manfred. Er durfte alle
drei Jahre nach Deutschland kommen. Dann ging’s ihr so schlecht. Er sagte:
“Du fährst jetzt einfach mal mit.” Erst sagte sie Nein. Ist ja klar, die Vorstellung
schon allein, nach Indien … Wo liegt das? Was ist das? Wir sagten: “Mach das”. Sie hat aufgeschrieben: “Bitte,
Danke, Wasser, Water, Chicken”. Das habe ich immer gesagt
wie auf einem Tonband. Anna kommt mit 63
das erste Mal nach Indien. Der Pallottiner Orden
setzt sich weltweit für Bildung ein. Durch Pater Manfred
lernt sie Pater Emmanuel kennen, der in Madurai Schulen für Kinder
aus ärmsten Verhältnissen bauen will. Wir freuen uns sehr,
dass du gekommen bist. Danke. Ich freue mich auch,
dass ich es noch mal geschafft hab. (Aus Handy): Grüß dich. Monika, Entschuldigung,
dass ich so kurzangebunden war. Aber mir geht’s gut. Der Flug
hatte eine halbe Stunde Verspätung. Es hat 35 Grad. Es ist sehr heiß. Oh Gott. Wir sind vom Flughafen rausgekommen.
Es war wie in einer Sauna. Seid ihr auch alle gesund? Komm. Das ist neu. Thank you. Mein Gott,
jetzt bin ich wieder in Pilar. Sie hat sich nicht viel verändert. Damals war sie temperamentvoll,
wie heute. Sie interessierte sich viel
für soziale Dinge. Sie war sehr bewegt,
als sie arme Leute gesehen hat. Oder die Kinder gesehen hat. Sie war eine einfache Frau
mit einem großen Herz. Radetzky-Marsch. Hi.
– How are you? – Fine. You didn’t think
I was coming this year? – No. Inzwischen dürfen 500 Kinder
aller Konfessionen vom Kindergarten
bis zum Abitur die Schule besuchen. Sie hat ihren Beitrag geleistet und es ihren Bekannten und Freunden
mit Begeisterung weitererzählt. So hat sie
wirklich viel Geld gesammelt. Große, kleine Summen … Damals waren es Mark,
Deutsche Mark und Pfennig. Jeder Pfennig zählte
und es war wertvoll. Und Anna fliegt immer
auf eigene Kosten nach Indien, um die Spenden
persönlich zu übergeben. Ich hab immer gesagt:
“Mein Gott, ich fahre da nie hin”. Jedes Jahr
ist sie nach Indien gefahren. Warum wollten Sie noch nicht hin? Um Gottes willen. Ich möchte nicht. Das könnte ich nicht. Da hat sie keine Verbindung. Frau Riedl ist
ein ganz anderer Mensch als ich. Gell?
– Ja, stimmt. Nach ihrer ersten Indien-Reise
entscheidet sich Anna, Megesheim zu verlassen. Sie verkauft das Haus, zieht zurück in die ihr
inzwischen viel vertrautere Stadt und lebt seitdem wieder in München. Als ich die Armut gesehen habe,
wollte ich mehr stiften. Ich dachte,
wenn ich nach München zurückgehe … Erstens hatte ich
Sehnsucht nach den Enkelkindern. Die waren da noch klein. Und ich dachte,
da kann ich was dazuverdienen. Thank you. Emmanuel, frag ihn,
was er mal werden möchte. Doctor. Doktor? Medizin will er studieren. Medizin? Nice! Wenn die Kinder gesagt haben: “Mama, du bist alleine. Geh in die
Stadt und trinke eine Tasse Kaffee”, sagte ich: “Nein, das sind 5 Euro.
Das kann man in Indien brauchen.” Ich bin schon fast
zu streng geworden. Ich sterbe ja eines Tages.
Dann muss das weitergehen. Woher kam das Geld? Vom Arbeiten, vom Putzen … Die ist weiter putzen gegangen? Unsere Mutter hat geputzt bis 80. Sie hat mit 80 aufgehört. Anna, hier rechts. Nein, Emmanuel, du bist der Chef. Ordnung muss sein. In Deutschland
muss man Frauen immer respektieren. Ein Zeichen dafür ist, dass sie
an der rechten Seite des Mannes ist. Ja, aber wenn ein Mann einen Titel
hat, Doktor usw., kommt er rechts. Ne ne. Man muss humble sein. Ich bin zwar
auf dem Land aufgewachsen, aber ich habe das
in der Anstellung mitbekommen. Um das Schulprojekt
zusätzlich zu fördern, haben fast 300 Kinder
Paten in Deutschland. Jenita ist Annas Patenkind. Wo ist die Mama? Sie ist die Ziege hüten gegangen. Thank you. Greetings to your mom. Sie wohnen hier. Das ist das Haus. Bye. Anna, komm. Okay bye.
– Bye. Und für die Frauen soll
eine große Nähwerkstatt entstehen, damit sie
ein eigenes Einkommen haben. Unser Frauenzentrum am Schulcampus. Das ist genau das hier. Nur das Erdgeschoss. Und auch die Größe?
– Ja, dieselbe Größe. Das ist für sie wichtig:
Sie stehen jetzt auf eigenen Füßen. Weil das Geld, was sie da verdienen,
ist ihr Eigengeld. Sie müssen nicht immer
zum Mann gehen und sagen: “Ich brauche Geld”. Sie können sich jeden Monat
was auf die Bank legen. Und das ist ganz wichtig. Sie hat ein hartes Leben gehabt. In manchen Momenten
bin ich sprachlos. Alle Achtung habe ich vor ihr. Ich habe auch einige Male in der
Schule Kindern und Eltern erzählt, wie wir
die notwenigen Mittel bekommen, um diese Schule zu bauen
und weiterzuführen. Das sind keine reichen Leute,
die uns viel schenken. Es sind Menschen wie Anna Riedl, wie
sie arbeiten und uns unterstützen. * Gebete * I didn’t learn Tamil.
I learned a little English. Könntet ihr euch vorstellen,
ich wäre auch so eine Schwester? Nicht? (Emmanuel) Sie hätte Revolution
ins Kloster gebracht. Langsam. Ich bin der Meinung, ohne Indien
wäre sie nicht mehr am Leben. Weil sie sich
immer so aufgerappelt hat. Sie bekam vor vier Jahren
diesen Herzschrittmacher. Da konnte sie einmal nicht fliegen. Dann hatte sie wahnsinnig Angst,
dass sie nie mehr fliegen kann. Ich war dreimal mit ihr in Indien. Was man da erlebt
mit ihr oder durch sie, ist mehr wert als Geld,
Materialien oder irgendwas. Es ist unglaublich. Wie viele Koffer hast du noch? Ich habe einen Koffer,
mit dem fahre ich jetzt 20 Jahre. Da ist jede Ecke ausgefüllt. Da kommt die Flasche so hin,
da kommen die Plätzchen hin. Da ist alles ausgefüllt
und ich brauche keine Waage. Wenn ich es draufstelle,
ist es zwischen 21 kg und 23 kg. 22 kg mache ich
und ich bin immer durchgekommen. Man merkt immer, sobald
wirklich der kleinste Funken kommt, dass man vielleicht
nach Indien fahren könnte, schlagartig entwickelt die Mama
wieder eine Energie. Unglaublich. So sollte es sein. The sky is my limit. Das kann man doch sagen, gell? Weiter kommt man nicht. Der Himmel ist das Letzte. Mrs. Anna Riedl, München, Germany. * Musik * Untertitelung: BR 2019

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