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Mit Rollstuhl auf den Traktor: Trotz Behinderung aktiv und mobil | Unser Land


Traktoren, überhaupt Landtechnik, das ist
die große Leidenschaft von Manuel und André. André kann sich aber nur im Rollstuhl fortbewegen. Das war nicht immer so. Ausgerechnet eine Landmaschine wurde ihm vor knapp 14 Jahren zum Verhängnis. Bei
der Ernte für die Gras-Silage löste sich bei einer Reparatur eine Eisenstange des Ladewagens und zertrümmerte Andrés Rückenwirbel. Seitdem sitzt er im Rollstuhl. Auf seine Art. Nach diesem Unfall meidet André nicht den Umgang mit Traktoren, Baggern und ähnlichen Gerätschaften. Im Gegenteil: Gleich nach seiner Reha und der zwangsläufig abgebrochenen Landwirtschaftslehre sucht er wieder die Nähe
zur Technik. Ganz schön mutig für einen Rollstuhl-Fahrer. Es haben einige gesagt: Das ist nicht die richtige Arbeitsumgebung für einen Rollstuhlfahrer. Was ich aber bewiesen habe, dass das trotzdem sein kann. Es läuft gut. Nach dem tragischen Unfall am 10. Oktober 2003 muss André sehen,wie er
seinen Unterhalt bestreitet. Mit 20 Jahren macht er sich selbstständig im “GaLaBau”, im Garten- und Landschaftsbau. Sein Freund Manuel Schnappauf unterstützt ihn. Die beiden mähen Grünflächen im
Auftrag der Gemeinde und für Firmen. In seinem Heimatdorf Birnbaum erwirbt
sich “Schlemmi”, wie ihn alle nennen, einen Rufals technischer Tausendsassa. Der Mann weiß sich zu helfen,
und er hilft anderen. Er verleiht Maschinen, repariert und fertigt alle möglichen Dinge nach Maß. André in seinem Reich. Die Werkstatt ist entstanden durch die Maschinen. weil Maschinen und keine Werkstatt:
Das ist unmöglich heutzutage. Da eignet man sich das ein oder andere an. Mittlerweile reparieren wir alles. Das Geld von der Unfallversicherung braucht André
für den Umbau des Wohnhauses. Seine Firma gründet er aus eigener Kraft. Als Rollstuhlfahrer in die landwirtschaftliche oder in die GaLaBau-Branche einzusteigen, ist immer schwierig, weil die Sicherheiten nicht gegeben sind von den Gesetzen, dass sie dir existenzgründungsmäßig helfen. Das hab ich dann ohne jegliche Hilfe gemacht. Schlemmi riskiert viel.
Ein eigener Bagger muss her. Den Bagger haben wir in erster Linie gekauft,
weil wir den Hof machen wollten. Weil wir selber was machen wollten, bin ich halt weg
und hab einen Bagger gekauft. Da hat keiner was gewusst.
Heimgekommen:”Ich habe einen Bagger gekauft.” “Ich spinn!”, so war die erste Reaktion. Bis der Bagger kam. Und dann haben wir
Nägel mit Köpfen gemacht. Inzwischen gehören sogar zwei Bagger
zu Schlemmis Fuhrpark. An Aufträge kommt er durch persönliche Empfehlungen. Übliche Werbung: “Rollstuhlfahrer übernimmt
Arbeiten auf Bauernhöfen und im Garten- und Landschaftsbau”,
das funktioniert nicht. André muss sich von Auftrag zu
Auftrag weiterempfehlen. Und er braucht Rückhalt: Von seiner Familie und
treuen Freunden wie Manuel. Es war normal, dass er so weitermacht, weil man ihn ohne Landmaschinen nicht gekannt hat. Wir baggern, fahren Silo, machen Heu.
Wir machen alles, was anfällt. Wir mähen von der Gemeinde aus,
wie man gesehen hat. Wenn’s passt, gehen wir auch mal
in den Biergarten zusammen. André Beez stammt aus einer
Bauernfamilie mit Waldbesitz. Also arbeitet er im Winter auch im Wald und macht Winterdienst. Rollstuhl hin oder her. Im Sommer verleiht er an Kunden im gesamten Landkreis Kronach Maschinen. Mit dem Firmen-Geländewagen
kommt er beinahe überall hin. Er ist immer auf Achse.
Sein Wahlspruch: Ich dreh den ganzen Tag am Rad. André besucht gerade Kunden, die bei ihm einen vollautomatischen Holzspalter gemietet haben. Er weist die Familie ein, zeigt wie
die Maschine bedient wird. “Kinderleicht”, sagt Schlemmi.
Wenn er das sagt, spornt das an Maschinen vermieten ist ein Teil von Andrés Geschäft. Seine wahre Leidenschaft aber gilt großen Traktoren. Sein liebster Platz ist
dort oben, hinter dem Steuer. Den Weg hinauf auf den Ackergiganten eines befreundeten Landwirts schafft André alleine mit einem Lift. Den hat er zusammen mit dem
Besitzer des Schleppers gebaut. Der Milchbauer Rudi Neubauer braucht André als Schlepperfahrer.Und André braucht den Landwirt. Schock für beide im September 2013: Stall und Wohnhaus der Milchbauern-Familie Neubauer brennen nieder. Andrés Freunde und Partner stehen vor einer schweren Entscheidung: Sollen sie weitermachen mit der Milchviehhaltung? Sollen sie wieder einen Stall bauen? André packt erst mal mit an, auf seine Weise. Aufgeben, das liegt ihm gar nicht. Im Sommer 2014 haben die Neubauers das Haus und auch den Kuhstall wieder aufgebaut. Sie produzieren weiter Milch. Nichts anderes hat ihnen André gleich nach dem Brand geraten. Sie haben das beste Beispiel: mich.
Immer voran, niemals stehen bleiben. André Beez will jetzt noch mehr die
Landwirtsfamilie Neubauer bei der Feldarbeit als Fahrer unterstützen. Auch das ist ein Teil seiner Existenz. Deren schönster Teil. Und der Rollstuhl? Der steht gut am Hof, ohne ihn.

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