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Ex-Wiesnwirt Max Schmidbauer: Frei leben auf dem Land, raus aus der Stadt| Lebenslinien | Biografie


. Untertitelung: BR 2019 Mein Schicksal war, dass
ich in eine alte Gastronomie-Familie hineingeboren wurde. Meine Eltern wollten, dass ich in
fünfter Generation Wiesn-Wirt werde. Aber das hat mich
überhaupt nicht glücklich gemacht. Dann habe ich alles verloren. Dann hab ich
ganz von vorn anfangen müssen, wirklich von ganz unten. * Kuhglocken-Geläut * Was muss geschehen, damit ein Mensch
sein ganzes Leben hinter sich lässt? Max Schmidbauer hat der Großstadt
München den Rücken gekehrt. Er lebt in der Jachenau,
einem Hochtal im Isarwinkel. Schon als Kind war Max oft hier. In meiner Kindheit riecht es
nach Berge, nach Freiheit, Natur, nach Abenteuer. Das hat mich geprägt. Ich wollte immer frei sein, bin auch ein Freigeist. Ich wollte mich nicht in
etwas hineinpressen lassen. Ich möchte frei leben. Max stammt aus
einer alten Münchner Wirts-Familie, die seit 1885 das Ammer-Zelt
auf der Wiesn betreibt, die erste große Hühnerbraterei
der Welt. Max’ Vater, Franz Schmidbauer, hat eigentlich eine Anstellung
als Ingenieur bei BMW. Doch während der Wiesn
nimmt er regelmäßig Urlaub, um seinen Eltern
in der Hühnerbraterei zu helfen. Auf dem Oktoberfest
lernt er 1963 Helga kennen, die Tochter
des städtischen Wiesn-Inspektors. Zwei Jahre später
heiraten die beiden. Im März 1967 kommt Max auf die Welt,
ein Wunschkind. Doch Helga Schmidbauer
will nicht nur Mutter sein. Ihr größter Wunsch:
eine eigene Gastwirtschaft. Als seine Mutter ein Café in
Münchens Botanischem Garten eröffnet, ist Max gerade zwei Jahre alt. Ein Saison-Geschäft: Das Lokal
hat von April bis Oktober geöffnet. Das war ihr Ein und Alles. Sie hat das mit Leib und Seele
betrieben und gemacht. Aber ich hab das
immer wieder gespürt, die ganze Zeit über, meine Mama hat immer
sehr darunter gelitten, dass sie … Sie hatte immer das Gefühl,
dass sie mich vernachlässigen muss. Sie hat ihre Arbeit
wahnsinnig gern gemacht. Das war viel Arbeit. Sie hatte nicht immer Zeit
wie eine normale Mutter. Ja, ja. Sie hat darunter gelitten. Aber meine Frau
hat das gebraucht, ein Geschäft. Wenn Sie immer im Geschäft sind,
von früh bis abends, oft keine Mittagszeit haben,
weil Sie nicht dazukommen. Wenn da ein Kind herumläuft,
das geht nicht. Wenn man nicht zu Hause ist,
was soll man mit dem Kind machen? Es muss eine Verpflegung,
Liebe haben. Die Arbeitstage sind so lang, dass Max’ Eltern sich entscheiden, ihren Sohn in die Obhut
von Pflegeeltern zu geben. Grüß dich.
– Ja Max, grüß dich, Junge! Schon lange nicht mehr gesehen. Von April bis Oktober verbringt Max als Kind viel Zeit
bei Klaus und Guggi Dornberger. Seine Pflegeeltern
sind Freunde der Familie. * Klopfen * Max, grüß dich.
– Da riecht’s ja schon gut. Du kommst gerade recht. Schon lange nicht mehr gesehen. Hoffen wir, dass das was wird.
– Das macht nichts. Magst du mal welche machen, nachdem
ich immer so viel arbeiten muss? Schauen wir mal,
ob ich es verlernt habe. Das habe ich oft verflucht,
das Kochen. Das war dein Schicksal. Ich glaub, dass du
ein guter Koch warst. Bin ich immer noch. Wie geht es jetzt
mit deinem Geschäft? Machst du immer noch selber Käse? Weniger.
Ich bin noch in der Käserei, aber selber zum Käsen,
komme ich nicht mehr. Ich muss mich jetzt
mehr um das Geschäft kümmern. Am schönsten war es immer im Garten.
Das war für uns Kinder das Paradies. Weil das
ein alt eingesessener Garten war. Da hat man alles machen können. Ihr habt auch alles gemacht. Obst da, was es gegeben hat. Was keiner mögen hat,
nur den Saft. Du hast immer viel Durst gehabt.
– Da war immer eine Mass Radler da. Bei den Dornbergers findet Max die Geschwister,
die er in seiner Familie nicht hat. Klaus und Robert
sind wie Brüder für ihn. Der gleichaltrige Robert, der Bertl,
wird auch sein bester Freund. Der Maxi und der Robert
waren richtig gute Freunde. Sie hatten ein inniges Verhältnis,
die zwei. Das waren richtige Spezln. Wir waren ja wie Brüder.
Wir waren ja Brüder! Der Bertl war mein Ein und Alles.
Wir waren immer beieinander. Wir haben alles erlebt. Wir waren nach der Geburt schon im Kinderwagen
nebeneinander gelegen. Kindheit, Sandkasten, Pupertät, erste Liebe. Erster Rausch. Urlaube.
Später miteinander gearbeitet. Wir haben eigentlich
alles miteinander erlebt. Damals ist das Café
im Botanischen Garten in den Wintermonaten geschlossen. Dann lebt Max
durchgehend bei seinen Eltern. Ein besonders schöner Moment
mit meiner Mama war immer das, wenn sie am Abend
in mein Zimmer gekommen ist, zum Gute-Nacht-Sagen. Das waren schöne Momente,
an die ich gerne zurückdenke. Wenn sie gekommen ist,
noch Gute Nacht gesagt hat, das war ein besonderer Moment. Das kam nicht so oft vor. Wenn ich zu Hause war, dann schon.
Aber das war halt nicht immer. Als ich fünf/sechs Jahre alt war, war die Wiesn für mich
ein Riesenspielplatz. Das war eine superschöne Zeit. Mein Opa
als oberster Wiesn-Inspektor hat mir immer
einen Haufen Chips gebracht. Ich bin den ganzen Tag
Geisterbahn gefahren, Autoscooter.
Habe mir Mandeln gekauft. Ab und zu ein Hendl gegessen. Es war ein Riesenabenteuer für mich. Meine Eltern haben immer gesagt: “Du kannst alles machen,
aber überleg es dir gut. Vielleicht ist es gescheiter,
du steigst in unsere Fußstapfen.” Klar, wenn du aus
so einer Familie kommst und in fünfter Generation
Wiesn-Wirt werden kannst. Aber das hat mich nie so gereizt. Das Café im Botanischen Garten
läuft so erfolgreich, dass Helga Schmidbauer
viel Personal braucht. Max’ Vater gibt sogar seine
Anstellung als Ingenieur auf und steigt in den Betrieb mit ein. Das war sehr viel Arbeit. Das war vielleicht das,
was mich so abgeschreckt hat. Wenn der Papa nachts um zehn
noch in der Küche steht und Fleischpflanzerl macht
für den nächsten Tag, weil da schönes Wetter war. Ich hab mir gedacht:
Wahnsinn, so viel arbeiten! So viel Stress und wenig Freizeit. Es war schon sehr viel Arbeit. Ich beneide keinen Wirt, egal ob Wiesn-Wirt
oder sonstiger Szene-Wirt. Ich beneide keinen,
überhaupt nicht. Es gab irgendwann einen Zeitpunkt,
wo ich mir geschworen hab, ich mach nur noch das,
was mir Spaß macht. Es ist zwar viel Arbeit,
auch anstrengende Arbeit. So wie als Wirt auch,
aber anders. Ich hab keinen Ärger mehr. Mir macht keiner mehr Druck. In den 70er-Jahren mieten die Eltern
in Ferienhaus in der Jachenau. Und wenn sie einmal Zeit haben, gehen sie mit Max und seinen Freunden
in die Berge. Im Winter waren wir immer Skifahren. Ansonsten waren wir,
wenn es gegangen ist, beim Bergsteigen oder auf der Hütte. Für mich war das nie Zwang. Wenn wir gestartet sind, war
der Bertl dabei, mein Halbbruder. Oder Harry, mein ältester Spezl. Das war ein Abenteuer. Wir sind uns vorgekommen
wie in einem Jack-London-Roman, irgendwo in Kanada. Wir sind durch die Bäche,
die Felsen raufgeklettert, Wir haben Lager gebaut
und draußen geschlafen. Das hat mich geprägt. Wenn ich den Berg raufgehe,
suche ich die Ruhe. Die totale Stille, der Frieden. Ich erkenne in der Natur,
was im Leben wichtig ist. Da braucht es keine
gesellschaftliche Stellung, kein Geld, keinen Reichtum und Ruhm. Das Wichtigste ist,
dass du selbst zufrieden bist, gesund bist,
dass du glücklich bist. Max’ Vater lebt inzwischen
in einem Altenheim im Chiemgau. Ja, Max! Grüß dich. Geht’s gut?
– Wunderbar. Hast du hergefunden?
– Etwas verfahren. Ich bin den Weg
noch nicht so gewöhnt. Den Film kenne ich noch nicht. Wiesn. Wiesn-Filme!
– Da genau! Das dauert ein bisschen.
– Öffnen. Ah! Also bei Ammer. Mei, der Onkel Klaus. Und Guggi! Eigentlich haben alle mal
auf der Wiesn gearbeitet. Der Guggi, Klaus, Bertl. Wo bist du da?
– In der Mitte. Da kommt der Opa,
mit einem dicken Mercedes. Da hat er Platz drinnen gehabt.
Er war ziemlich fest. Aber mitgearbeitet hat der Opa
auf der Wiesn nicht, oder? Nein, aber er hat immer gewusst,
wie man es besser machen kann. Anfang der 70er-Jahre
kostet die Mass Bier 2,90 Mark. Das Grill-Hendl
ist noch eine exklusive Delikatesse. Die Ammer’sche Hühnerbraterei
kann sich vor Kunden kaum retten. Max’ Großeltern
führen den Betrieb mit großem Erfolg, bis sie 1974
kurz nacheinander sterben. Wir waren sechs Geschwister
und plötzlich sterben die Eltern. Wenn nichts vorher geregelt ist,
geht’s los: Wer macht das? Dann müssen sich irgendwelche
entscheiden: Wer will mit wem? Ich hab damals gesagt:
“Ich muss nicht dabei sein.” “Mir ist der Familienfrieden
wichtiger.” Aber … Es hat sich dann so entwickelt. Mehr oder weniger
habe ich nachgegeben und habe es gemacht. Später ist die Frage aufgekommen:
Macht der Max weiter, oder sein Cousin. Was wird daraus?
Das weiß man da noch nicht. Max’ Vater übernimmt
die Hühnerbraterei gemeinsam mit seinem Bruder Johann. Dessen Sohn Sepp ist so alt wie Max. Von nun an sind die beiden Cousins die designierten Nachfolger
des Traditionsbetriebs. Die Idee meiner Eltern,
Tante und meines Onkels war, dass mein Cousin und ich den gemeinsamen Betrieb
auf der Wiesn übernehmen. Das war der Grundgedanke,
dass das alles harmonisch verläuft. Dass wir beide Wirte werden und
das zusammen erfolgreich machen. Als Jugendliche übernehmen die Cousins
nach und nach Aufgaben auf der Wiesn. Sie helfen beim Aufbau, zapfen Bier
oder grillen die Hendl. Je älter ich geworden bin,
um so mehr habe ich realisiert, was ich einmal
von meinen Eltern bekomme. Wo ich da
überhaupt geboren wurde. Ich habe mit der Zeit kapiert,
dass das alles mir gehört. Da brauchst du dir um die Zukunft
keine Gedanken mehr machen, keine finanziellen. Du weißt, das ist deine Richtung.
Die ist abgesichert und es kann nur bergauf gehen. Ich stehe jetzt
zwischen 4 und 5 Uhr auf, wo viele sagen: Ist das früh! Aber du hast was vom Tag. Früher habe ich ausschlafen können
bis 10 Uhr, habe aber am Abend arbeiten müssen. Das bringt dich
total aus dem Rhythmus. Max ist ein verträumter Junge. Nach der Realschule möchte er am liebsten
einen künstlerischen Weg einschlagen. Doch die Mutter drängt auf
eine Ausbildung in der Gastronomie. Daran kann ich mich
noch besonders erinnern. Das war der Abschluss
der Hotelfachschule. Da kamen alle Eltern. Sie haben sich gefreut,
mich zu sehen. Aber ich hab das Gefühl gehabt,
dass was nicht stimmt. Keine Ahnung. Intuition.
Ein Gefühl. Zwei Wochen später eröffnet
die Mutter ihrem Sohn, dass sie unheilbar
an Lungenkrebs erkrankt ist. Ihr zuliebe stürzt sich Max
in eine Lehre als Koch. Er ist 18 Jahre alt,
als seine Mutter im Sterben liegt. Da ist mir bewusst geworden, dass sie die ganze Zeit
darunter gelitten hat, dass sie zu wenig Zeit
mit mir verbracht hat. Für mich war es nicht schlimm, aber wenn du siehst,
wie ein Mensch darunter leidet, noch dazu deine Mutter, und du kannst nichts ändern und du weißt, dass sie sterben muss. Und sie macht sich Vorwürfe. Das ist schlimm. Aber das ist das Leben.
Da kannst du nichts machen. Der Vater muss das Café im Botanischen Garten
alleine weiterführen. Für seinen Sohn bleiben
nicht viel Zeit und Kraft. Ich habe die Lehre beendet
kurz nach ihrem Tod. Ich dachte:
Jetzt schmeiß ich alles hin. Ich mag nur noch das machen,
was mir Spaß macht. Nichts mehr mit Gastronomie, Kochen. Dann dachte ich, meine Mama
dreht sich im Grab um. Sie hat mir
die Hotelfachschule ermöglicht, noch eine Kochstelle besorgt. Dann dachte ich,
das kann ich nicht machen. Max entscheidet sich,
doch als Koch zu arbeiten und findet eine Anstellung
in einem Sterne-Restaurant. Die Arbeit ist anstrengend. Mit den Jahren schwindet der Druck, dem Wunsch der verstorbenen Mutter
zu folgen. Max lässt sich treiben,
jobbt mal hier, mal da. Der einzige feste Termin im Jahr
ist die Wiesn. Dort arbeitet er regelmäßig
im Familien-Betrieb mit. Immer an seiner Seite:
sein Ziehbruder, der Bertl. Für mich war das
der wichtigste Halt auf der Wiesn. Er hat mir Kraft gegeben,
hat mich unterstützt. Er hat mich zurechtgewiesen.
Er war immer an meiner Seite. Die Familie will wissen, wie es
weitergeht mit der Hühnerbraterei. Max muss im Betrieb
zunehmend Verantwortung übernehmen. Ich hab mir dann Gedanken
machen müssen, was ich in weiterer Zukunft
machen werde, Richtung Wiesn. Da war mir klar, bzw. die Vernunft
hat mich überstimmt, mein Herz nicht,
aber meine Vernunft. Die hat gesagt,
ich muss das Wiesn-Zelt machen. Das ist eine Chance, die du
nicht so ohne Weiteres kriegst. Das ist nicht selbstverständlich. Ich dachte, als Wiesn-Wirt
musst du Münchner Wirt sein. Mit 29 Jahren eröffnet Max in München
seine eigene Gastwirtschaft. Dafür muss er
einen hohen Kredit aufnehmen. Als ich das Sendlinger Augustiner
eröffnet hab, war ich voller Tatendrang. voller Energie. Ich dachte:
“Es geht nur noch vorwärts.” Und: “Endlich hab ich
meinen richtigen Weg gefunden.” Ich hab einfach angefangen. Ich habe das mit den Veranstaltungen
superschnell zum Laufen gebracht. Er will eine besondere Gastwirtschaft
gestalten: modern und traditionell, einen Ort für Jung und Alt, mitten in Sendling,
einem der ältesten Viertel Münchens. Besonders gut kommen seine Partys an. Doch die Doppelbelastung
macht ihm zu schaffen. Jedes Jahr schuftet er
für den Wiesn-Betrieb. Zugleich hat sein Lokal
ganzjährig geöffnet. Da dachte ich zum ersten Mal wieder:
Es war doch eine Fehlentscheidung. Dass ich mich überreden ließ,
in die Gastronomie einzusteigen und dass ich das Ganze mache. Besuch bei einem, der mit dem Fotoapparat
immer alles festgehalten hat: Sein alter Freund und Fotograf,
Stefan Braun. Früher waren wir
schon immer wild unterwegs. Das waren die ersten Feste, aber dann wurde es
ein bisschen grenzwertig. Gut, das war noch am Anfang.
Das waren drei Jahre. 70er-Jahre, das war auch legendär. Wir haben schon gemerkt,
dass die Partys zu viel wurden. Der “Party-König” und der Münchner Faschingsprinz. Das hat ihn
eine Stange Geld gekostet. Und er war die ganze Zeit
nur unterwegs, hat sich nicht mehr
um seinen Laden gekümmert. Im Jahr 2000 bewirbt sich Max für das
Amt des Faschingsprinzen in München. Als Prinz Maximilian I. hetzt der 33-Jährige
über Monate von Termin zu Termin. Im Glauben, dass seine Bekanntheit mehr prominente Gäste
ins Wiesn-Zelt lockt. Natürlich habe ich mir
was davon versprochen. Für mich selber, dass ich lerne aufzutreten
in der Öffentlichkeit. Das war für mich als Wirt
und Wiesn-Wirt wichtig. Ich wollte ihn da nicht bremsen. Er war überzeugt davon. Da hab ich nicht gesagt:
Lass die Finger davon. Weil Faschingsprinz,
da kriegst du ja nichts. Da verdienst du ja nichts.
Da gibst du nur Geld aus. Zur gleichen Zeit wird im Ammerzelt die Geschäftsübergabe
an Max und Sepp vorbereitet. Die Väter werden sich zurückziehen. Ich hatte mir gedacht,
dass das nicht gutgehen kann. Das war immer mein inneres Gefühl. Mein Cousin und ich haben
überhaupt nicht mehr harmoniert. Das war ein
Nebeneinanderher-Arbeiten. 2001 ist der Generationswechsel
vollzogen: Sepp und Max Schmidbauer sind offiziell die Wiesnwirte
im Ammerzelt. Doch hinter den Kulissen
kommt es zum Streit. Es geht unter anderem
um eine große Bestellung von Hendln, die Max nicht geordert haben will. Ohnehin schon verschuldet, kann Max seinen Anteil
an der Rechnung nicht bezahlen. Sepp zieht vor Gericht und gewinnt. Ich habe Sachen zahlen müssen,
wo ich nicht einverstanden war, wo ich nichts unterschrieben hatte. Aber ich hab dafür haften müssen.
Das war eine Kommanditgesellschaft. Ich hab dafür geradestehen müssen. Plötzlich hatte ich
einen Berg Schulden. Ich hatte das Geschäft,
einen Berg Schulden, noch ein zweites Geschäft
mit Schulden. Nach Ende der Wiesn-Saison 2001
erleidet Max’ Ziehbruder Bertl einen Zusammenbruch. Sein Herz
arbeitet nicht mehr richtig. Zwei Stunden vor der Operation,
die ihn retten soll, stirbt Bertl im Alter von 34 Jahren. Als der Bertl gestorben ist, ist für
mich einen Welt zusammengebrochen, ein Rückhalt. Mit dem Tod von meiner Mama,
war das das Schlimmste, was ich je erlebt habe. Das war wie, als wenn du mir einen
Arm und Fuß gleichzeitig ausreißt. Ich hatte
nichts mehr zum Festhalten. Es war meine Mama nicht mehr da,
der Bertl nicht mehr da und mein Vater hatte sich aus
dem Geschäft schon zurückgezogen. Da war ich dann alleine. Ich bin dann
ziemlich krank geworden. Wir waren beim Bergsteigen. Spezl haben immer gesagt:
“Du warst mal eine Gämse.” Weil ich total fit war. Ich war nur in den Bergen unterwegs. Plötzlich hab ich
keine Luft mehr bekommen. * Keuchen * Dann ist es rapide bergab gegangen. Dann war ich beim ersten Arzt,
der Lungenchecks gemacht hat. Er hat gesagt:
“Sie haben ein Belastungsasthma, unheilbares Asthma.” Ich hab gesagt:
“Das kann nicht sein.” “Ich war vor Kurzem noch total fit.” “Das ist vorbei”, hat er gesagt. “Sie müssen immer ihr Notfall-Spray
dabei haben, sonst kann’s sein,
dass Sie es nicht überleben.” In der zweiten Saison
als gemeinsame Wiesn-Wirte ist das Tischtuch zwischen Sepp
und Max Schmidbauer zerschnitten. Die Cousins kommunizieren
hauptsächlich über Rechtsanwälte. Die teuren Anwalts—
und Gerichtskosten lassen Max’ Schuldenberg
weiter wachsen. Längst kann er nicht mehr
alle Rechnungen bezahlen. Irgendwann bist du an einem Punkt,
da magst du keine Post mehr öffnen. Du machst es auf und ich hab richtig gemerkt,
ich kriege schwer Luft. Das hat mir
meine letzte Kraft geraubt. Auf der Suche nach Heilung
seiner Atemwegserkrankung trifft Max auf einen Doktor,
der ihm einen ganz neuen Weg weist. Das war der einzige Arzt, der sagte: “Das Asthma
steht bei Ihnen sinnbildlich dafür, dass Sie nicht mehr
Ihr Leben leben.” “Das Leben, das Sie leben,
schneidet Ihnen die Luft ab.” “Wenn Sie nicht bereit sind,
Ihr Leben zu ändern, werden Sie nicht mehr gesund.” Dann bin ich raus,
hab meinen Cousin angerufen und gesagt: “Ich steig sofort aus.” Ich bin sofort raus,
habe alles hingeschmissen. Von einer Minute auf die andere. Max lässt sich seinen Firmenanteil
am Wiesn-Betrieb auszahlen. Doch das Geld
reicht bei Weitem nicht, um die Schulden zu begleichen, die
sich mittlerweile angehäuft haben. 2003 meldet Max für
seine Gastwirtschaft Insolvenz an. Das ist mir aus dem Ruder gelaufen. Dadurch, dass ich meine Schulden
nicht mehr begleichen konnte, bin ich in Zahlungsrückstände
geraten, habe Sozialabgaben
nicht mehr zahlen können usw. Das ist ein Rattenschwanz,
der sich ewig nachzieht. Ich hatte keine
finanziellen Mittel mehr. Es kommt noch schlimmer: Max wird
wegen Steuerhinterziehung angeklagt. Finanzbeamte
legen ihm das Missverhältnis zwischen Ausgaben und Einnahmen
in seinem Lokal als Straftat aus. Nach einem langwierigen Prozess
verurteilt ihn die Richterin zu zwei Jahren Gefängnis
auf Bewährung. Durch ein Versehen verstößt
Max gegen die Melde-Auflagen. Die Bewährung
wird daraufhin ausgesetzt. Er landet in Stadelheim,
der Münchner Justizvollzugsanstalt. Anfangs glaubt er an einen Irrtum. Erst langsam begreift Max, dass
er seine Strafe wird absitzen müssen. Als ich realisiert habe, dass ich da
nicht mehr so schnell rauskomme, ist ein Riesenstein
von mir gefallen. Ich war total erleichtert. Natürlich ist es nicht schön,
wenn du eingesperrt bist. Aber andererseits war ich befreit. Ich hab gewusst,
ich habe keinen Ärger mehr. Es kann nicht mehr tiefer gehen. Neun Monate muss Max
hinter Gittern verbringen. Dann wird er vorzeitig
aus der Haft entlassen. Ich bin aus Stadelheim
rausmarschiert. Es war so, als ob eine Türe
in die Welt geöffnet wird. Ich habe mich
plötzlich so frei gefühlt, Ich hab mir gedacht:
Endlich alles abgeschlossen. Endlich kann ich von vorne anfangen. Max zieht es in die Berge. Dorthin, wo er
schon als Kind glücklich war. Mit 41 Jahren bewirbt er sich als Senner auf
einer Alm im Berchtesgadener Land, trotz seiner Asthma-Erkrankung. Das war eine intensive Zeit, weil ich komplett alleine war
da oben. Ich habe Tag und Nacht gearbeitet,
aber es war eine schöne Arbeit. Ich war am Abend oft total fertig,
müde, aber glücklich. Es kamen viele Leute rauf
und haben gesagt: “Max, wir haben das
über dich gehört.” “Wir haben es nicht geglaubt
und haben raufschauen müssen.” “Pfeilgerade. Bist du verrückt?
Das kannst du nicht machen!” “Du kannst doch nicht
alles hinschmeißen und von der Wiesn
auf die Alm gehen!” Er war plötzlich wie ausgewechselt. Da war er auf der Alm
mit seinen Schweinen und Kühen und war auch
sehr verantwortungsvoll. Ich hab ihn oft besucht
und es war höchst erstaunlich. Es war beeindruckend, wie er sich als Stadtkind
um die Tiere gekümmert hat, dort Käse gemacht hat
und sich so zurückbesonnen hat. Das war sehr beeindruckend. Als Senner spürt Max zum ersten Mal
im Leben, wofür er brennt: Das Handwerk und die Kunst,
Käse zu machen. Sein Asthma wird dabei
von Tag zu Tag schwächer. Eines Tages habe ich mich
hingehockt, in die Berge geschaut und gedacht: Mei Max,
vom Wiesn-Wirt zum Wiesen-Hirt. Du bist der Natur so nah,
spürst deinen Körper, spürst alles. Das ist das wahre Leben. Da ist mir klar geworden,
dass der ganze Trubel um die Wiesn, um das Sein und Schein: Das ist alles nicht relevant. Schatz, erst mal ein Bussi. Salzprobe, ob ich genug
geschwitzt habe, beim Teigschlagen. Was soll ich machen? Vielleicht kannst du Käse schneiden
und den Tisch decken. Das andere
hab ich schon vorbereitet. Die Weichen kannst du größer machen. Das sagst du nur,
weil ich schneller bin als du. Die Steffi war mir
schon immer sympathisch. Sie hat die Leidenschaft
für die Berge, Radl usw. Und ich auch. Eines Tages haben wir beschlossen,
eine Bergtour zusammen zu machen. Da hat es schon gefunkt. Dann ist es passiert. Wir waren wieder auf Bergtour und
Steffi hatte keine Puste mehr. Ich habe gefragt: “Hast du Eisenmangel? Du bist
doch sonst nicht so schlapp.” Da kommt sie in der Früh
ins Schlafzimmer: “Max, ich hab einen
Schwangerschaftstest gemacht.” Jetzt lassen wir sie mal krabbeln. Im Februar 2018
kommt Leni auf die Welt. Das ist total entspannend mit ihr. Er ist ein positiver Mensch,
ein Mitreißer. Wenn er von irgendwas
begeistert ist, schafft er es, mich mitzureißen. Au! Was machst du? Er sagt zum Leben definitiv “Ja”, weil er durch so viele Stationen
gegangen ist und so viele Tiefschläge hatte,
und auch Enttäuschungen. Dass er aber trotzdem gesagt hat:
“Ja, es geht voran, es geht weiter.” “Das Leben ist schön.” 2008 hat Max
Pläne für einen Neuanfang. Zwar läuft noch immer
sein Insolvenzverfahren, und er darf von seinem Verdienst
nur das Existenzminimum behalten. Doch auf der Alm hat er einen
erfolgreichen Kaser kennengelernt, dem er nach Österreich folgt,
nach Vorarlberg. Geht dir die Kraft aus?
Soll ich helfen? Wie geht’s dir?
– Passt, am liebsten gut. Das ist auch mal schön,
dir bei der Arbeit zuzuschauen. Das Wichtigste ist halt Zeit,
dass er Zeit hat. Der Meinrad ist nicht nur
mein Spezl, sondern mein Mentor. Ich habe noch nie
einen Kaser kennengelernt, der so leidenschaftlich
mit dem Material Käse umgeht. Der schaut schon gut aus. Wie Butter. Spezial! Hast du von mir schon mal
einen anderen bekommen? Nein, nur Gute! Sehr gut! Er hat sich gescheit bemüht. Bei ihm hat man gemerkt,
er will das wirklich wissen. Das ist wichtig. Einer der nicht will,
dem kann ich nichts beibringen. Das ist der Restkäse,
der ist ein bisschen gschmackiger. Es war eine harte Schule bei ihm. Aber ich habe ihm
alles zu verdanken. Auch dieses Pünktliche,
das Strukturierte. Beim Käse
kommt es nicht aufs Fett an. Das sag ich meinen Kunden immer.
– Lagerung. Auf den Kaser kommt es an. Der Meinrad ist nicht normal. Um 2.00 Uhr früh,
schmeißt er mich aus dem Bett. Ich frag: “Was ist los?” Meinrad: “Wir müssen
in den Kas-Keller runter!” “Ich hab eine Intuition gehabt,
wir müssen jetzt schmieren.” Runter in den Keller,
alles geschmiert. Kurz wieder ins Bett. Um 5.00 Uhr steht er
schon wieder da wie eine Brezen. “Max, ausliefern!” Und das jeden Tag. Ich dachte, hat der
hinten einen Akku? Da habe ich viel gelernt.
Zähne zusammenbeißen, Gas geben. Dann schaffst du es auch. Dann hat er mir das Auto gegeben,
das erste Verkaufs-Standl. Käse hat er mir gegeben. Ich hatte damals nichts. Meinrad, vergelt’s Gott. Sag deiner Frau einen schönen Gruß.
– Mach ich. Wir telefonieren und sehen uns
in ein paar Tagen wieder. Habe die Ehre.
– Komm gut heim! Nach drei Jahren
kehrt Max nach Deutschland zurück. Das Insolvenzverfahren
ist abgeschlossen. Max kann sich endlich
eine neue Existenz aufbauen. Nach und nach erkämpft er sich einen festen Platz
auf verschiedenen Wochenmärkten. 950 Gramm. Mit Löcher oder ohne? 1000 sind es.
– Passt. Überall, wo ich hinkomme, heißt es:
“Ah, der Kas-Max!” Ich bin für jeden der Kas-Max. Grüß euch, servus. Bergkäse, Blauschimmel, Emmentaler. Das ist für dich.
Eine Überraschung. Das schaut ja gut aus.
Eine Spezialität aus der Türkei? Wahnsinn, danke! Ich bekomme sehr viel zurück,
durch meine treuen Kunden. Hast das du gemacht?
– Ja. Es ist jeden Tag wieder schön,
wenn du auf dem Markt bist und es kommt ein Lachen rüber. Ich denke beim Verkaufen
nie ans Geld. Ich denke immer:
Er soll zu mir kommen. Er soll einen Spaß haben.
Er soll das mir Freude kaufen. Ich hab mir gedacht,
als Schreiner hast du Holz übrig. Du musst mit Steffi auskarteln,
ob sie dir ihren Halloumi-Käse gibt. Als ich in die Jachenau gekommen bin
und mich um das Haus beworben hab, habe ich mit
offenen Karten spielen müssen. Da musst du
deine Vergangenheit vorlegen. Ich dachte,
es bringt nichts zu leugnen. Es ist mein Leben, dazu stehe ich. Ich hab das dem Vermieter geschickt. Am nächsten Tag ruft er an und sagt: “Wenn jemand das Haus verdient,
dann du.” “Du bist ein Stehauf-Männchen.” Für mich war es egal,
was er früher gemacht hat. Das interessiert mich nicht. Ich mag den Max gern
und es freut mich, dass er da ist. Zum Wohl! Ich habe den Glauben an mich
nie verloren. Ich hab gewusst,
es geht wieder aufwärts. Ich habe für mich gelernt,
auf meine eigene Stimme zu hören. Wirklich das zu machen im Leben,
was einem Spaß macht. Ich bin da angekommen,
wo ich hinwollte. Das Geschäft läuft,
eine Familie hab ich, glücklich bin ich. Untertitelung: BR 2019

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